Ich will nichts beschönigen. So sehr ich unser Leben in Toronto liebe - ein spontaner Umzug auf einen anderen Kontinent hat schon auch so seine Herausforderungen. Ok, das ist vielleicht untertrieben. In Wahrheit bereitet er mir oft genug schlaflose Nächte. Bringt mich an meine Grenzen, lässt mich Einsamkeit spüren, und manchmal auch Hilflosigkeit.

Und dann haben wir noch nicht mal legalen Aufenthalts-Status. Keine Krankenversicherung, keine Arbeitserlaubnis, selbst in Bezug auf Lennards Schulbesuch sind wir auf das Wohlwollen der (bisher wohlwollenden) Schulbehörde angewiesen.

Aber all diese Nöte und Sorgen entpuppen sich immer mehr als das eigentliche Geschenk dieser Kanada-Odysee. Denn sie zwingen mich zum Umdenken, zum Entwickeln neuer Erledigungsstrategien - und vor allem: Dazu, immer wieder hinauszugehen, unsere Geschichte zu teilen, Kontakt zu suchen, dankbar zu sein und zu vertrauen.

Nur unser kanadischer Aufenthaltsgenehmigungs-Antrag ist zugegebenerweise eine besonders harte Nuss.

Zum Hintergrund: Ich hatte ihn im letzten Sommer auf eigene Faust eingereicht. Alle notwendigen Dokumente erstellt, zusammengestellt und ausgefüllt. Gut 50 Seiten, etwa 2-3 Monate Arbeit inklusive Wartezeiten für Dokumente, die aus Deutschland kamen (und ihre Zeit brauchten). Ich war ziemlich stolz. Vor allem, weil die Kategorie, unter der ich beantragt hatte, nicht ganz ohne war - es handelte sich um eine Härtefallregelung des kanadischen Immigrationsrechtes, auf Basis von Lennards Behandlungen und seines Schulbesuchs, der inklusiver war als alles, was in Deutschland im Moment möglich wäre.

Meine Argumentation war meiner Ansicht nach fundiert, die Unterlagen vollständig - und doch brach bei mir nach dem Einreichen etwas Ratlosigkeit ein. Denn so wirklich sicher war ich als Laie natürlich nicht im kanadischen Immigrationsrecht. Ich hatte im Grunde keine Ahnung, ob meine Unterlagen und Strategie wirklich solide genug waren, ob es Kleinigkeiten zu beachten gab, die den Unterschied machen könnten.

Klar, für so etwas gibt es Immigrations-Anwälte. Sofern man mehrere Tausend Dollar für sie übrig hatte.

Ich hatte natürlich nicht im Entferntesten ein Budget für Rechtsbeistand in dieser Sache. Erstens war es ja ursprünglich überhaupt kein Thema, dass wir länger bleiben würden; und zweitens ging alles, was ich an finanziellen Mitteln hatte, in Lennards Behandlungen, unsere Lebenshaltungskosten - und wechselweise an Lufthansa und Air Canada.

Nach ein paar Monaten stieg meine Ratlosigkeit. Es war mir klar, dass ich anwaltliche Unterstützung brauchte, um diesen Antrag voranzubringen. Wenigstens etwas Beratungszeit, um meine ganzen offenen Fragen stellen zu können. Aber ich hatte keine Ahnung, wie ich das ohne Budget hinbekommen konnte. Es war schwer zu schlucken, dass Geldmangel uns womöglich vom Erfolg dieses Antrags trennen könnte, von unserem Wunsch-Leben in Kanada.

Nach unserer Rückkehr im Herbst wusste ich, dass irgendwas passieren musste, wenn aus unserem Besucherstatus irgendwann mal was Richtiges werden sollte. Ich fing an, meine Fühler auszustrecken. Unsere Geschichte und diese Aufenthalts-Herausforderung anderen Menschen zu erzählen. Nach kostenfreien Beratungsangeboten Ausschau zu halten.

Und dann war es Glück, könnte man sagen.

Lennard begann ein Nachmittags-Kletterprogramm, in dem wir auf seinen Kletterpartner und dessen Familie stießen. Es war die Mutter, die mich in der Kletterhalle ansprach. Wir hatten irgendwie vom ersten Moment eine Verbindung, als wir unsere Lebensgeschichten miteinander teilten. Irgendwann stieß ihr Mann Andrew dazu. Ich erzählte nicht nur, aber auch, von meinen Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis-Bestrebungen.

Dann ging alles ganz schnell. Es stellte sich heraus, dass Andrew eine Rechtsanwaltskanzlei leitete. Von Immigrationsrecht hatte er keine Ahnung. Aber er kannte eine andere Kanzlei, die darauf spezialisert war. Innerhalb von zwei Tagen hatte er mir nicht etwa ein wenig Beratungszeit organisiert, sondern eine komplette Durchsicht und Rückmeldung zu meinen bisher eingereichten Unterlagen durch eine hochqualifizierte Immigrationsanwältin.

Eine Woche später sorgte er dafür, dass die Anwältin mir ihre Zusage gab, mich bei der Erstellung eines umfangreiches Updates zu meinem bisher eingereichten Antrag zu unterstützen, um die Erfolgschancen deutlich zu erhöhen.

All das, einfach so. Weil wir beide Kinder mit Besonderheiten hatten. Weil er unsere Geschichte interessant und meinen Glauben an das neue Leben inspirierend fand. Aber vor allem: Weil er die Güte hatte, etwas zu geben.

Meine 162-seitige Ergänzung zum ursprünglichen Antrag ist seit dieser Woche beim zuständigen Immigrations-Office. Das erste Mal seit dem Einreichen habe ich das Gefühl, dass ich nun weiß, was ich tue, was ich erwarten kann und wann (naja, letzteres ist wohl etwas optimistisch eingeschätzt).

Diesen Ausgang meiner Suche und Bemühungen hätte ich nie vorhersehen können. Mein Dank ist kaum in Worte zu fassen. Was für eine Inspiration und Ermutigung dazu, dran zu bleiben. Hinauszugehen, unsere Geschichte zu teilen, Kontakt zu suchen, dankbar zu sein und zu vertrauen.