Ich werde nie vergessen, wie Lennard am Tag vor den Sommerferien auf sein erstes kanadisches Zeugnis blickte. Es nicht mehr aus den Händen geben wollte. Dieses leichte, fast schon entrückte Lächeln auf seinem Gesicht - aus dem Stolz, aber vor allem Selbstvertrauen, Stärke und vielleicht auch ein wenig Überraschung sprachen.

Bei mir war es definitiv Überraschung. Ich hatte natürlich schon mitbekommen, dass Lennard sich in der Schule gut entwickelt hatte, aber es war das erste Mal, dass ich es schwarz auf weiß sah. Es war der Beleg dafür, dass das, was ich immer geahnt hatte und wofür ich immer wieder verlacht wurde - tatsächlich wahr geworden war. Lennard konnte auf einmal sein Potential einsetzen. Es war nun nicht mehr das Hirngespenst einer verblendeten Mutter - es stand in einem hochoffiziellen Dokument.

Die Geschichte geht in Kurzform so: Von der Note 5 in allen Hauptfächern auf eine solide 2 überall. Wenn man sich Lennards Halbjahreszeugnis aus der deutschen Schule und das Jahresabschlusszeugnis aus der kanadischen Schule nebeneinander hält, würde man nicht glauben, dass es ein und derselbe Schüler ist.

Und nicht nur die Noten - auch die Texte haben einen ganz anderen Ton. Beim Lesen des deutschen Zeugnisses könnte man meinen, dass alles hoffnungslos verloren ist - abgesehen davon, dass die Zeugnissprache holprig und floskelhaft klingt - während das kanadische Zeugnis Hoffnung macht und den Menschen schätzt.

Waren es die Behandlungen? Hat die deutsche Schule versagt? Und die kanadische alles richtig gemacht?

Wie so oft im Leben, wahrscheinlich eine Mischung aus allem. Und dann noch wahrscheinlich noch viel komplexer, als ich es von außen sehen kann.

Dennoch versuche ich mich jetzt mal daran, die Hintergründe und Vermutungen für diese Entwicklung zu beschreiben. Denn wenn er es schafft - warum nicht auch viele andere?

1. Die Behandlungen

Ja, die hatten ihre Rolle, definitiv. Dazu hatte ich ja schon einiges geschrieben. Ich glaube, dass vor allem das Tomatis-Programm einiges in Lennards Gehirn angestoßen hat. Dass er plötzlich anfing, freiwillig zu lesen; die schnellen Fortschritte beim Englisch lernen; die Verbesserung der Rechtschreibung; das Ausprobieren neuer sozialer Konstellationen (Freundschaften, aber auch das Aushalten von Konflikten in Freundschaften) - das alles passt zum Ergebnisprofil dieser Methode.

2. Die kanadische Schule

Ich bin immer noch dabei zu verstehen, ob das System einfach besser funktioniert oder ob wir mit der Schule Glück hatten. Ich glaube mittlerweile, dass es beides ist. Das kanadische System, obwohl bisher international nicht besonders in Erscheinung getreten, scheint offenbar eine ziemlich gute Entwicklung hingelegt zu haben. In den PiSA-Rängen mittlerweile weit vor Deutschland. [EDIT: Fairerweise will ich darauf hinweisen, dass es auch anderslautende und kritische Meinungen dazu gibt.] Was offenbar gut gelingt: Kinder aus unterschiedlicher Herkunft, mit allen möglichen Sprachfähigkeiten und aus verschiedenen sozio-ökonomischen Verhältnissen mitzunehmen und auf ein gutes Level zu bringen. Genau das war spürbar, fand ich: Lennard wurde nicht als Behinderter gesehen, sondern die Frage war immer, wie man ihn gut da abholen konnte, wo er war. Was für mich so stark rüber kam: Die Lehrer hatten eine große Wertschätzung für die Kinder. In Bezug auf System würde ich daher sagen: Es ist sehr Kind-zentriert, vs System-zentriert. Man spürt die Sympathie, die die Lehrer für ihre Schüler haben. 

Konkret hieß das: Lennard bekam die Chance, in einer kleinen Klasse mit einer Lehrerin und einer Assistentin, an seinen Lücken aus früheren Klassenstufen zu feilen, im Rahmen seiner jeweils aktuellen Englischkenntnisse zu arbeiten, und gleichzeitig aber auch den Unterrichtsstoff seiner tatsächlichen Klassenstufe durchzunehmen. Sein Wunsch nach Selbständigkeit wurde respektiert. Es wurde ihm etwas zugetraut. Zum ersten Mal hatte er keinen Schulbegleiter - etwas, was er als Ausdruck dieses Selbständigkeitswunsches schon lange so wollte und wogegen sich die deutsche Schule immer gesperrt hatte. Auf einmal entwickelten sich Freundschaften. Lennards selbst-entwertende Aussagen verschwanden komplett. Er hatte einen guten Platz für sich gefunden.

3. Das Zusammenspiel der beiden

Ich habe mit Paul Madaule, Lennards Tomatis-Therapeut, sehr oft und viel über diesen Aspekt gesprochen. Auch er meinte, dass die Therapie vermutlich erst durch dieses nährende Schulumfeld ihre volle Wirkung entfalten konnte. Aus einer neuroplastischen Sicht würde ich das so sagen: Die Therapie stimulierte das Gehirn (= Neurorelaxation und Neurostimulation), brachte es also zum Feuern - und das Schulumfeld ermöglichte die Anwendung dieser neu entdeckten Verschaltungen, d.h. die Neurodifferentiation, aus der neue Fähigkeiten entstehen konnten.

Es war, ohne dass ich es so klar benannt hatte, eigentlich auch einer der Gründe dafür, warum ich für die Therapien nach Kanada wollte: Aus Norman Doidges Bücher hatte ich gelernt, dass Neuroplastitzität in mehreren Stufen verläuft, und dass es neben dem Anregen auch ein Konsolidieren braucht. Daher hatte es für mich Sinn gemacht, die Umgebung stark zu verändern, als eine Art Abenteuer zu gestalten, das viel neuen Input geben würde. Dass die Schule nun so ein Volltreffer werden würde, damit hatte ich natürlich nicht gerechnet. Aber, wie so oft im Leben, wenn man erstmal losgeht, dann wird es meistens noch viel besser.

4. Die Zeugnis-Inklusion

Spannend fand ich, das Thema Inklusion sogar bei der Ausgestaltung des kanadischen Zeugnisses zu finden. Hier bekommt nämlich jedes Kind das gleiche Zeugnis - egal ob es dem ganz normalen Unterrichtsstoff folgt, oder eine Lern- oder sonstige Behinderung hat, hochbegabt ist oder noch gar nicht so richtig Englisch spricht. Dafür sieht das Zeugnis Checkboxen vor, die bei der Notenvergabe angekreuzt werden können:

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  • Wenn gar nichts angekreuzt ist: wurde auf Basis des ganz normalen Curriculums der entsprechenden Klassenstufe benotet.
  • IEP: Individual Education Plan - dann wurde auf Basis eines individuellen Lehrplans benotet. Der Clou hier: So einen IEP bekommen auch hochbegabte Schüler - d.h. er ist an sich (im Gegensatz zu dem Förderlehrplan in Deutschland, den nur schwache Schüler bekommen) kein Stigma. Im Zeugnis werden dann zusätzlich die individuellen Lernziele und Anpassungen als Basis der Benotung dokumentiert.
  • ESL: English as a Second Language - hier wird auf Basis der aktuellen Englischkenntnisse (bzw ggf Französisch) eines Schülers benotet - d.h. es wird berücksichtigt, dass ein Kind anderes Material oder mehr Unterstützung braucht, weil es die Sprache noch nicht kann.

Außerdem werden die Fächer noch unterteilt - z.B. Mathematik in 1. Number Sense and Numeration 2. Measurement 3. Geometry and Spatial Sense 4. Patterning and Algebra 5. Data Management and Probability. Oder Kunst in 1. Tanz 2. Schauspiel 3. Musik 4. Bildende Kunst. Für jedes dieser Teilgebiete gibt es eine separate Note. Damit kann man ein viel differenzierteres Bild von den Fähigkeiten eines Schülers geben. Insgesamt ist die Sprache klarer und auch persönlicher als ich es von den deutschen Zeugnissen gewöhnt bin.

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Vielleicht gibt es neben diesen aufgelisteten Aspekten aber noch einen viel tiefergehenden Grund für Lennards Zeugniswunder. Es ist für mich immer noch auffällig und richtiggehend ungewohnt, mit welcher Stärken-Orientierung die Lehrer hier über ihre Schüler sprechen. Ich bin fest davon überzeugt, auch im Einklang mit Neuroplastizität, dass Lernen von Stärken ausgehen muss, um erfolgreich zu sein. D.h. Schüler müssen bei ihren ganz individuellen Stärken abgeholt werden (nicht bei den Schwächen!), ihre eigenen kleineren und größeren Erfolge sehen - dann werden sich auch Schwächen verbessern. Anders herum funktioniert es nicht. D.h. der uns in der deutschen Grundschule häufig begegnete Ansatz, dass man die Defizite identifiziert und dann einen Plan macht, wie man diese am besten ausmerzt oder von der Benotung ausschließt etc. - bringt das Gehirn einfach nur in Stress. Und ein gestresstes Gehirn tut sich hormonell mit dem Lernen sehr schwer.

Das scheinen die Lehrer hier sehr verinnerlicht zu haben. Zumindest sehe ich das, wenn ich mit Lennards Klassenlehrerinnen spreche. Die Freude über seine Erfolge ist richtig ansteckend. Und während wir abwarten müssen, wie er sich weiter entwickelt; und wie gut er seine Lücken aus den vergangenen Jahren schließen kann - sehe ich jetzt schon an seinen Nachfragen, an seiner Freude über die Noten und an seinem Willen, von sich aus zu üben und Hausaufgaben zu machen, dass hier etwas ziemlich gut gefruchtet hat.

Als er mir damals, mit diesem entrückten Lächeln sein Zeugnis zeigte, und wir beide staunten, kam Lennards Klassenlehrerin zu uns.

Ich ließ sie wissen, dass Lennard hier einen ziemlichen Sprung hingelegt hatte. Sie lächelte stolz-wissend und sagte: "Er hat es sich wirklich verdient."

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