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Vor unserem Umzug nach Kanada waren noch so die zwei kleineren Hürden zu nehmen: Die Zustimmung von Lennards Vater zu bekommen. Und die der kanadischen Einwanderungsbehörden. Jede von ihnen hatte genügend Veto-Sprengkraft, um die Bleibe-Überlegungen sofort zu pulverisieren. (Die Antwort der Kanadier ist dabei immer noch offen.)

Aber da war eine viel größere dritte Hürde, fast unsichtbar, deren Kraft aber schnell spürbar wurde - und die mich auch jetzt noch immer wieder an sich erinnert.

Die Anziehung des Vertrauten. Das im-Gewohnten-bleiben-wollen - auch wenn es gar nicht mehr so wirklich stimmig ist.

Diese dritte Hürde zeigte ihre volle Größe genau dann, als die formalen Hürden 1 und 2 erledigt bzw beantragt waren. So richtig krachte ich schließlich in sie, als wir für den Sommer nach Deutschland zurückkamen.

Ein wenig erschlagen lief ich durch diese ersten Tage und Wochen in der alten Heimat. München zeigte sich auf einmal von seiner besten Seite, nachdem ich doch eigentlich schon seit Jahren mit dieser Stadt gehadert und über Wegzugs-Optionen nachgedacht hatte. Ich traf meine unglaublich lieben Freunde, langjährige Bekannte und großartigen (Ex-)Kollegen. Mein bester Freund und Lennards Patenonkel besuchte mich zum letzten Mal in der alten Wohnung. Überhaupt, dass ich diese barrierefreie und bezahlbare Wohnung in Top-Lage aufgeben würde! Und Gegenstände, die zu meinem Leben gehörten, an fremde Menschen verkaufen. Sogar meine Ballettstange! Mein gesamtes berufliches Netzwerk zurücklassen.

Und gleichzeitig die Perspektive, in Toronto von Null anzufangen. Dauerhaft tagtäglich für Lennard zuständig zu sein. Durch den kaum vorhandenen barrierefreien Wohnraum körperlich belastet zu sein. Überhaupt hatte sich kurz nach unserer Rückkehr nach München plötzlich herausgestellt, dass wir nicht wie gedacht in unsere alte WG ziehen konnten. Also aus der weiten Ferne, in einem extrem engen Wohnungsmarkt, nach einer Bleibe suchen! Keine Ahnung, was ich beruflich dort machen würde, und wovon wir leben würden, solange ich noch keine Arbeitserlaubnis habe. Die Angst, dass mir die lang vertrauten Menschen fehlen würden. Zu leiden, weil wir dort nicht so leicht wie in Deutschland in die Natur rauskommen können.

Ich war mir nicht sicher, ob unsere Entscheidung richtig war. Es war nicht so sehr der Zweifel, ob ich es schaffen würde - sondern eher, ob der Preis nicht zu hoch sein würde.

Ich glaube einer der ersten heilsamen Impulse in dieser Zeit kam aus einem Telefonat mit meinem in Moskau lebenden Bruder. Er brachte es auf den Punkt: Dass das jetzt halt wie nach einer langen Beziehung ist, die man beendet hat. Beim Vollziehen der Trennung weiß man ganz genau, dass es die richtige Entscheidung ist; nach der Trennung sieht man auf einmal nur noch die guten Seiten des Ex-Partners. Diese Analogie half mir, meine Zweifel zu relativieren, sie als Teil eines normalen Ablöseprozesses zu akzeptieren.

Und es darauf ankommen zu lassen.

Am Ende half es sogar, meine Sachen an fremde Menschen zu verkaufen. Es tat gut, Fotos zu machen, Beschreibungen zu verfassen, und zu sehen, dass die Sachen bei sehr netten Menschen weiterleben würden. Dass die Menschen sich über die Sachen freuten (oder über den fairen Preis, zu dem sie die Sachen bekamen).

Heute bin ich froh, dass wir es wagen. Obwohl ich unsere Zeit hier weiterhin als eine absoute Achterbahn empfinde. Gerade jetzt wird meine Zuversicht wieder auf eine extreme Probe gestellt - gesundheitliche Probleme meines Vaters führen mir sehr schmerzhaft vor Augen, wie schwer es sein kann, so weit weg von der eigenen Familie zu sein. Und unsere aktuell sehr schwierige Wohnungssituation lässt mich spüren, wie hart es ist, wenn man nicht den engen Familien-/Freundeskreis hat um sich hat, der einen mal schnell "retten" könnte.

Aber ich weiß wieder, warum das alles.

Wenn ich Lennard von der Schule abhole, sehe, wie er mit seinen Freunden spricht, seine Körpersprache und seine leuchtende Augen sehe - dann weiß ich, dass es hier nicht nur um meine Befindlichkeiten geht.

Es geht darum, es darauf ankommen zu lassen. Etwas zu probieren, auch wenn es gewagt ist und schief gehen kann. Weil allein das Probieren irgendwie mutig stimmt und sich lebendig anfühlt. Egal ob etwas dabei herauskommt oder nicht. Oft ist nicht einmal klar, was das "etwas" sein könnte. Oft kann man sich nur an einem Bauchgefühl und leuchtenden Augen orientieren. Und vielleicht reicht das aus.

Vielleicht ist Hürde 3 ein gutes Zeichen. Vielleicht ist es einfacher, Zweifel und Rückzieher-Gedanken geradezu zu erwarten, wenn man vor solchen großen Veränderungen steht.

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