Klar, wir alle, Du, lieber Leser, oder Crowdfunder, und ich - haben es ja schon irgendwie vermutet.

Seit etwa Juni ist es aber wirklich entschieden - Lennard und ich werden im Herbst, zu Beginn des neuen Schuljahres, nach Toronto zurückkehren. Mit offenem Ende.

Ausschlaggebend für diese Entscheidung war Lennards überraschend gute Situation und Entwicklung in der Schule. Und als Mensch. Damit meine ich: Ja, er hat sich schulisch - leistungs-/notenmäßig - phänomenal entwickelt. Und das mit einer Leichtigkeit, die er zuvor noch nie erlebt hatte. Aber es hat sich darüber hinaus viel getan. Er hat jetzt richtige Freunde, mit allen Aufs und Abs. Er rollt durch unsere Nachbarschaft, als ob er immer schon dort gelebt hätte. Er unterhält sich in einer neuen Sprache.

Auch ich fühle mich in diesem Land, in dieser Stadt superwohl. Es ist zwar nicht immer leicht, so als Vollzeit-Mutter ohne den Vater in der Nähe. Und überhaupt, alles neu aufzubauen - einen Freundeskreis, ein berufliches Netzwerk, Anlaufpunkte für Freizeit, Kreativität und Training. Aber ich bin wirklich sehr gesegnet mit all den Leuten, die ich bisher kennen gelernt habe. Außerdem kenne ich die Situation, irgendwo neu anzufangen, aus mehrfacher Erfahrung gut - und in gewisser Weise brauche ich diese Art von Neuerung immer wieder zum Wachsen und lebendig bleiben.

Der entscheidende Entscheidungs-Kick kam vielleicht aus der Realisierung, dass wir so eine Situation für Lennard in München, oder Bayern insgesamt, einfach nicht schaffen würden können. Insbesondere eine Schulsituation, wo er ohne permanente und implizite Wertung auf seinem Wege lernen kann, ohne den Druck des Übertritts, oder dem Berufsauswahldruck der Mittelschule. Wo er wirklich geschätzt, und seine Behinderung ganz unbefangen und ohne großes Aufhebens behandelt würde. In anderen Bundesländern vielleicht - aber dann hätten wir auch einen Umzug vor uns, und vor allem hätten wir dann in eine längere Recherche gehen müssen. Im Vergleich dazu wussten wir bereits, dass die kanadische Lösung sehr gut funktioniert.

Auch kann ich hier schon mal anklingen lassen, dass wir in den Jahren zuvor, und insbesondere in den Monaten vor unserer Kanadareise, ziemliche Probleme mit der deutschen Grundschule und dem angeschlossenen Hort hatten. Der Kernpunkt des Konflikts war das Verständnis von Inklusion. Oder anders zusammengefasst: Während wir Eltern uns für Lennards Selbständigkeit eingesetzt haben und dafür, dass er möglichst normal behandelt werden sollte - wollten die Einrichtungen möglichst viele Fördermaßnahmen und enge Begleitung. Sie hielten ihn von unserem Selbständigkeitswunsch für überfordert. So sehr, dass sie uns beim zuständigen Jugendamt wegen Kindeswohlgefährdung anzeigten. Zu dieser Geschichte bereite ich zur Zeit einen, sagen wir, einen ausführlicheren öffentlichen Bericht vor, daher will ich sie jetzt erstmal nicht weiter ausführen. Was ich aber dazu noch sagen kann: Nachdem ich nun bei der kanadischen Schule mit den gleichen Wünschen und Forderungen absolutes Verständnis und Unterstützung fand, erlebe ich so richtig wie viel es wert ist, diese Unterstützung zu haben. Wie viel inneren Frieden das schenkt, wenn man nicht ständig für etwas kämpfen oder sich gegen etwas wehren muss.

Diese schlagartige Lebensqualitätsverbesserung ist vielleicht mein persönlicher großer Gewinn bei dieser Kanada-Immigration.

Dann sind da noch die angenehmen "Neben"effekte:

Wie geht es weiter?

Der Antrag auf Aufenthaltsgenehmigung ist gestellt, kann sich aber noch (evtl sehr lange!) ziehen. Wir verbringen den Sommer in Deutschland, ich werde unsere Münchner Wohnung auflösen (was für ein lustiger Ausdruck, fällt mir gerade auf - als ob sie dann irgendwie zu Staub zerfällt :-D), und zum neuen Schuljahr fliegen wir zurück nach Toronto. Die nächste Zeit wird spannend, aber auch herausfordernd: So ist uns sehr wichtig, dass Lennard seinen Vater weiterhin regelmäßig sehen kann und wir werden experimentieren müssen, um herauszufinden, was in dieser Hinsicht gut funktioniert. Ich wil eine Wohnung finden, die bezahlbar ist und uns ein schönes Zuhause sein wird. Und dann noch einen Job, der mit der Vollzeit-Mutterschaft vereinbar ist.

Die Kanada-Updates gehen den Sommer über noch weiter. Allen Mitlesern und Mitreisenden danke ich SEHR - für die Unterstützung, die Ermutigung, Kommentare und Mitfreude! Ab dem Herbst werde ich natürlich weiterschreiben, aber dann ist ja Kanada das neue Normal, daher gibt keine "Updates" von dort mehr, sondern einfach ganz normale Artikel. (Macht das jetzt Sinn? Ihr wisst schon, was ich meine :-))

Schon spannend, wie ein halbes Jahr auf einmal das gesamte Leben auf den Kopf stellt - oder zumindest auf einen neuen Kontinent. Ich kann kaum in Worte fassen, wie sehr ich schätze, in dieser Art und Weise auf die guten Entwicklungen reagieren zu können. Alleine hätte ich das nie geschafft. Lennards Vater, der sich in der gesamten Entscheidungsphase als kämpferisch diskutierender Eltern-Partner zeigte - und der vor allem den Mut hatte, eine (besonders für ihn) unbequeme Entscheidung zu treffen. Die Lehrer, die Schulleiterin, die Schulbehörde von Toronto, die dafür gesorgt haben, dass Lennard sich so willkommen fühlte. All unsere neuen Freunde und Bekannten, die uns unterstützt haben. Unsere ehemalige Mitbewohnerin und ihre Familie.

Vor allem aber Lennard, der sich die ganze Zeit über wie ein Löwe dafür eingesetzt hat, in einem für ihn ganz neuen Land zu bleiben. Der kompromisslos und konsequent einem inneren Kompass gefolgt ist, der ihm zeigte, wo es ihm wirklich gut geht.

Vielleicht ist das allein das wichtigste Ergebnis dieser Reise.