Die Entscheidung, bis auf Weiteres in Kanada zu bleiben, ist schon wieder ein paar Monate her. Es fühlt sich dennoch, jeden Tag, immer noch ein wenig unglaublich an, dass wir hier sein können.

Denn auch wenn schon früh alles irgendwie darauf hinauszulaufen schien, so war diese Entscheidung sogar noch im Frühsommer komplett undenkbar. Haupt-Hintergrund: Die getrennte Elternschaft mit Lennards Vater, in der wir beiden Eltern das Sorge- und Aufenthaltsbestimmungsrecht haben, und in der wir bisher, d.h. bis vor dem Kanada-Aufenthalt, ein Wechselmodell praktiziert hatten (die Hälfte der Zeit beim Vater, die andere Hälfte bei mir). Eine Elternschaft, die nun seit Monaten nur noch per Skype stattfand. Und wie reagiert wohl der Vater eines Kindes, wenn dieses Kind auf unbestimmte Zeit weiter mit der Mutter auf einem anderen Kontinent leben will?

Natürlich nicht so begeistert. Mit großem Widerstand. Besorgt. Mit der Angst, den Kontakt zu seinem Kind zu verlieren. Oder anders gesagt: Mit einem dicken Nein.

Alles verständlich. Ich werfe ihm das nicht vor, und es spricht für sein Engagement als Vater; dafür, dass er im Leben seines Sohnes präsent sein will.

Als also das erste Mal die Idee aufkam, dass Lennard und ich noch länger als geplant in Toronto bleiben könnten, sah es nicht danach aus, dass daraus etwas werden würde. Wir Eltern waren in unseren Vorstellungen so sehr auseinander wie man nur sein kann.

Nicht, dass das jemals anders gewesen war. Wir sind als Menschen einfach sehr unterschiedlich und hatten schon immer sehr entgegengesetzte Einstellungen zu Lebensentwürfen, Risiken und Komfortzonen. Lennards ganzes Leben hinweg bestand für uns Eltern eine der größten Herausforderungen eigentlich darin, diese Differenzen zu überbrücken. Harte Arbeit, die wir phasenweise nur durch professionelle Unterstützung von Coaches und Beratungsstellenmitarbeiterinnen gemeistert haben. Immer wieder haben wir uns krachend auseinandergesetzt, oft genug verflucht, und am Ende irgendwie doch einen Weg gefunden. (Und es war wirklich viel weniger filmreif als der letzte Satz jetzt vielleicht suggeriert haben mag.)

Dennoch: Noch nie hatte uns ein Thema so an unsere Grenzen gebracht wie Lennards und meine Idee, weiterhin, und auf unbestimmte Zeit, auf einem anderen Kontinent zu bleiben.

Aber vielleicht hatte uns die harte Schule der letzten zehn Jahre doch etwas beigebracht: Nämlich, auch wenn es hart auf hart kam, wenn wir einander absolut nichts (zustimmendes) zu sagen hatten, wenn wir uns nur noch im Kreis drehten - trotzdem im Gespräch zu bleiben, und einander zähneknirschend zuzuhören.

Ich machte von Anfang an klar, dass mir nicht an einer gerichtlichen Lösung gelegen war, dass wir wie geplant im Sommer zurück nach München kommen würden, und dass ich Lennard natürlich nicht gegen den Willen des Vaters im Herbst wieder nach Toronto mitnehmen würde.

Und dann begannen wir einen Dialog, in der transatlantischen Variante. Über 2-3 Monate hinweg: Jede Woche, oder alle zwei, vereinbarten wir ein Skype-Telefonat. Auch wenn es nichts Neues gab. Auch wenn sich in unseren Ansichten nichts geändert hatte. Selbst, wenn es nur für ein paar Minuten war. Auch wenn sich vor dem Telefonat alles in mir sträubte, ich frustriert antizpierte, dass eh nichts dabei herauskommen würde. Zur vereinbarten Zeit saßen wir da und begannen mit der Frage "Wie geht es Dir?". Erzählten kurz von der Woche. Gingen dann irgendwann an die harten, unangenehmen Punkte. Ich habe Hochachtung dafür, was Lennards Vater da auf sich genommen hat. Wie er mir weiterhin zuhörte, mir Fragen stellte, auch wenn die gesamte Perspektive für ihn einfach nur schmerzhaft gewesen sein muss.

Aber in all diesem zähen Schlamm, den wir da durchwateten, zeigte sich immer wieder eine Gemeinsamkeit, die wir in all den Jahren nicht verloren haben: Der Wunsch, dass es Lennard gut geht. Dass er seinen Weg gehen kann, seinen Platz findet und Perspektiven hat.

Am Ende war das der Schlüssel dazu, dass Lennards Vater sich dazu durchringen konnte, das OK zu geben. Denn er konnte nachvollziehen, dass Lennard hier in Toronto ein Schulumfeld hat, dass wir ihm in München und Bayern wahrscheinlich gar nicht, und im restlichen Deutschland vielleicht nur nach umfangreicher Recherche schaffen könnten. Dass er hier ein Leben führte, in seiner Andersartigkeit so willkommen war und sich so frei bewegen konnte, wir er bisher in seinem Leben nicht erfahren hatte. Nicht zuletzt war es Lennard selbst, der seinen Vater zum ersten Mal mit der Idee des Hierbleibens konfrontierte, und ab dann immer wieder hartnäckig nachhakte und ihn bearbeitete. Er stand für sich ein.

Irgendwann zwischendurch sagte Lennards Vater, dass das nicht fair sei. Egal wie es ausginge - es wäre nichts mehr wie vorher. Entweder Lennard sei nicht mehr bei ihm, oder Lennard würde mich nicht mehr sehen, wenn ich in jedem Falle nach Kanada zurückginge.

Ich gab ihm Recht. Es war wirklich nicht fair. Dabei hatte "fair" für uns, in diesem paritätischen Wechselmodell, immer so eine große Rolle gespielt. "Fair" war der logistisch-stabilisierende Faktor, der unsere Elternschaft immer wieder vor Eskalationen bewahrt hatte.

Nach etwas Nachdenken fügte ich hinzu, dass "fair" vielleicht nicht mehr die richtige Kategorie für diese Lebens-Entscheidung war.

Dass wir jetzt vielleicht eher auf "kreativ" setzen müssten. Auf neue Arten von "kommunikativ" und "kooperativ", die nicht mehr auf geographischer Nähe beruhten.

Ohne es zu wissen, wählte er einen symbolträchtigen Tag, als er schließlich grünes Licht gab. Es war ein Sonntag und Vatertag in Kanada, und Lennard kam mit einem ausgeglichenen Lächeln vom Skypen mit seinem Vater zurück in unser Zimmer.

Als Antwort auf seine offizielle Zustimmung zu unserem Umzug schrieb ich:

Du kannst Dir vorstellen, dass ich im Moment ziemlich überwältigt bin (in einem guten Sinne) und kaum weiß, was ich sagen soll und wie ich meine Dankbarkeit ausdrücken kann. Selbst jetzt beim Schreiben kommen mir die Tränen. Vielleicht jetzt erstmal nur so viel: Es ist nicht nur die schwerste Entscheidung – sondern wahrscheinlich auch die mutigste. Ich glaube, dass Du und dass wir Lennard damit etwas vorleben, was ihn für immer prägen wird. Das ist wahrscheinlich das größte Geschenk, das Du ihm machen kannst.

Es war nicht klar, dass wir hier bleiben würden. Es ist ein kleines Wunder. Und es ging nicht nur um die Zustimmung, sondern auch um ein Commitment, dieses neue Modell zum Leben zu erwecken. Darüber hinaus sagte Lennards Vater uns auch finanziell großzügige Unterstützung zu. Was ebenfalls nicht selbstverständlich war. Aber auch wenn es mühsam war, und hart umkämpft, bin ich froh, dass wir Eltern uns so sehr an dieser Entscheidung abgemüht und bis zum Schluss gerieben haben. Ich glaube, dass wir am Ende gestärkt aus ihr herausgegangen sind. Vor allem aber hat Lennard gelernt, dass es sich lohnt, etwas zu sagen und sich Gehör dafür zu verschaffen - und dass seine Eltern auch in den schwierigsten Momenten die Skype-Verbindung halten.