Eigentlich wollte ich gar nicht mehr fahren. Nach New York, DER Stadt schlechthin. Worauf ich mich ursprünglich so sehr gefreut hatte, und mein Sohn erst! Alles dann, kurz vorher, war mir irgendwie alles zu viel. Ich wollte eigentlich nur noch meine Ruhe, und NICHT 12 Stunden Busfahrt in eine Megastadt, die nie schläft.

Diese Reise stand einfach unter einem nicht so tollen Stern, so schien es mir zumindest. Ich hatte nach der Buchung ziemliche Probleme mit dem Busunternehmen bekommen, das uns, zusammenfassend, bei den Tickets ein wenig über den Tisch gezogen hatte. Außerdem hatte ich die fundierte Befürchtung, dass der Reisepass meines Sohnes nicht für die Einreise in die USA gültig war. Und dann fing ich am Tag vor unserer Abreise auch noch an, ein wenig zu schnupfen und zu kränkeln.

Die Wahrheit war im Grunde, dass ich in den Wochen vorher langsam in eine leichte und vielleicht erste größere Kanada-Krise geschlittert war. Im Grunde eine absehbare. Denn unser Aufenthalt neigt sich langsam dem Ende zu, und die Zukunft stand (und in gewisser Weise steht auch noch zum Zeitpunkt dieses Artikels) komplett in den Sternen. Ich hatte gewisse Pläne. Aber es gab viel Widerstand gegen sie, und Faktoren, die sie fast unmöglich machten. Mehr dazu bald in einem eigenen Artikel – aber sagen wir so: Ich war in einem ziemlich schlechten Zustand.

Irgendwie war absagen aber auch keine Option. Denn ein klitzekleiner Funke in mir sehnte sich trotz meiner schlechten Stimmung nach dieser Stadt. Sie hatte mich in gewisser Weise erwachsen werden lassen, als ich, vor 22 Jahren, 18-jährig, das erste Mal eine größere Reise alleine machte. Ich blieb für drei Wochen, die mich über alle Maßen prägten. Ein echte Coming-of-Age-Erfahrung, als ich lernen musste, in diesem Stadt-Koloss zu leben, zu navigieren und zu lieben.

Und dann war da mein Sohn, der seit Jahren davon träumt, in die USA und speziell nach New York City zu kommen. Das Land, und vor allem die Stadt New York, haben auf ihn, wie vielleicht für viele Kinder und Menschen allgemein, eine starke Symbolwirkung; sie stehen für die große, weite Welt, Abenteuer, und eine gewisse gewichtige Bedeutung.

Also machten wir uns auf den Weg.

Wir waren gerade mal 5 Minuten unterwegs, genau genommen warteten wir gerade auf die U-Bahn, die uns zum Bus bringen sollte, als ein lauter Knall nicht so Gutes ankündigte. War aber kein Anschlag, sondern der rechte Rollstuhlreifen, der sich mit einem ordentlichen Platzen verabschiedet hatte.

Vielleicht war hier der Knackpunkt. Denn innerlich wusste ich, dass ich jetzt entweder verzweifelt losheulen und gar nach Hause umkehren – oder komplett gegen diesen natürlichen Impuls durchatmen könnte. Was ich dann auch tat. Denn man kann diesen grandiosen Rollstuhl auch ganz ok auf einem platten Reifen schieben. Außerdem würden wir ja 12 Stunden in einem Bus sein – ob der nun einen intakten oder geplatzten Reifen transportiert, ist jenem Bus ziemlich gleich.

Noch im Bus textete ich unserem Airbnb-Host. Der sich übrigens schon im Vorfeld als ein ziemlicher Volltreffer herausgestellt hatte – super hilfsbereit und genau in seinen Informationen. Noch während ich am Abschicken meiner Nachricht war, kam von ihm bereits eine Liste mit möglichen Fahrradgeschäften sowohl um unseren Ankunftspunkt sowie um seine Wohnung herum. Es konnte also wirklich losgehen.

Nach ca zwei Stunden Fahrt erreichten wir die Grenze. Es begann sehr entspannt: Nachdem ich freundlich darum gebeten hatte, ließen die US-Grenzbeamten Lennard und mich als einzige Buspassagiere im Bus bleiben, samt Gepäck. Ich bedankte mich höflich und übergab einem von ihnen unsere Reisepässe. Nach einer Weile kam er zurück und begann mich ein wenig in die Mangel zu nehmen. Zweck unserer Reise etc. Dann – die knallharte Information, dass Lennards Reisepass nicht akzeptabel sei. Und ob er denn ESTA habe. Nein, sagte ich. Der Grenzbeamte fragte warum nicht. Ich gab zur Antwort, dass die Reisepassnummer beim Ausfüllen des Antrags abgelehnt worden war. Er nickte wissend und bestätigend. So ging das eine Weile hin und her. Entgegen meiner natürlichen Inklination fing ich jedoch nicht an zu diskutieren, sondern blieb ruhig und beantwortete alle Fragen wahrheitsgemäß. Auch der Beamte blieb die ganze Zeit zwar bestimmt, aber höflich und respektvoll. Am Ende stellte er nochmal grundsätzlich fest, dass der Reisepass meinen Sohn eigentlich nicht zur Einreise berechtigt, bzw dass er eigentlich mit dieser Art von Kinderreisepass ein Visum brauchte, aber dass man nicht davon ausgehen kann, dass wir das alles gewusst haben können. Daher würde die Visumserfordernis ausnahmsweise, weil es das erste Mal ist, erlassen werden. Sollten wir das ein zweites Mal versuchen, gäbe es eine saftige Geldstrafe.

Uns fiel ein Riesenstein vom Herzen, der schwierigste Punkt war geschafft. Der Rest der Fahrt verlief entspannt und recht schnell. Lennard schlief oder saß einfach ruhig da; wir waren beide ziemlich erleichtert, dass wir den Grenzübertritt geschafft hatten. Obwohl ich nur wenig schlief, und auch nicht wirklich bequem, ließ über die Nacht hinweg mein Schnupfen und Kränkeln komplett nach.

Via plattem Reifen ging es nach unserer Ankunft per U-Bahn nach East Harlem, bzw gerade so an die südlichste Kante davon. Von unserem Host gab es zur Ankunft eine dicke Umarmung und ein sofortiges Angehen der Reifenproblematik.

Noch während ich duschte hatte er die Radgeschäfte in der Umgebung abtelefoniert und sich überzeugt, dass die richtige Reifengröße auf Lager war. Er fragte mich, ob er den Reifen schnell zur Reparatur hin bringen sollte, während wir uns in unserem Zimmer einrichteten, oder ob wir alle zusammen hin und brunchen sollten, während der Reifen getauscht wurde. Lennard quietschte in einem durch vor Begeisterung, weil er endlich in New York war.

Wir gingen alle zusammen. Innerhalb einer Stunde, inklusive Brunch, war das am Tag zuvor noch so überwältigend scheinende Problem gegessen, und wir lernten die charmantesten Fahrradgeschäftbesitzer und –mitarbeiter überhaupt kennen.

Der Rest des Tages verging irgendwie wie in einem entspannten Traum....unausgeschlafen und gleichzeitig superdankbar trieb ich mit Lennard durch den Central Park und durch die Straßenschluchten Manhattans. Einfach nur, um die Stadt zu riechen, spüren, aufzunehmen.

Am Abend fuhren wir per U-Bahn wieder Uptown, holten uns in der Nähe unserer Unterkunft etwas zu essen und setzten uns für ein Abend-Picknick in das nördliche Ende des Central Parks.

Vielleicht war das das Symbol meines beginnendes „Heilungsprozesses“: In diesem Stadtkoloss eine erstaunliche Ruhe zu finden. Da, wo sie war, sich niederzulassen und alles andere einfach sein zu lassen.

Genauso wie am nächsten Tag – als meine Bekannte und ihr Sohn, mit denen wir eigentlich den ganzen Tag verbringen wollten, eine Stunde vor unserem Treffen absagten.

Sie steckten im Verkehr fest und sie könne einfach nicht mehr. Es sei alles zu viel. Sie wolle sich heute einfach nicht zu unserem Treffen durchkämpfen.

Nicht dass wir die engsten Freunde waren, aber wir hatten uns Jahre nicht gesehen, und ich hatte mich seit Beginn unsereres Kanadaaufenthaltes darauf gefreut, sie mal wieder zu treffen und ihren Sohn kennenzulernen. Es gab so vieles, was uns verband, was uns im Leben wichtig war, und ich war so dankbar, mich endlich mal wieder mit ihr austauschen zu können. Ich hatte mich auch so darauf gefreut, etwas mit Freunden zu unternehmen, noch dazu jemand aus meiner Altersklasse. Daher war ich wie vor den Kopf gestoßen und konnte kaum begreifen, wie leichtfertig und kurzfristig sie gecancelt hatte.

Und wieder: ruhig bleiben.

Immerhin war das Wetter fantastisch, also ließen wir uns wieder draußen durch den Central Park treiben.

Dann per U-Bahn an die Südspitze Manhattans. Per Fähre zur Freiheitsstatue. Und immer wieder zwischendurch einfach sitzenbleiben, schauen, etwas essen oder einen Kaffee trinken.

Am ersten Abend war ich geschockt, wie laut der Straßenlärm in unserer Unterkunft hörbar war. Gar nicht so sehr der Verkehr, aber die Anwohner, die bei diesem Wetter auf den Treppen zu ihren Häusern saßen, die Kinder die dabei rumkreischten, die Musik die irgendjemand immer wieder aufdrehte. Auch mit geschlossenen Fenstern war alles ziemlich klar vernehmbar.

Jetzt, an diesem zweiten Abend, trat das alles irgendwie in den Hintergrund. Während Lennard schon am Einschlafen war, saß ich im Wohnzimmer am offenen Fenster und genoss diese besondere Stimmung und Aufgedrehtheit der Menschen da unten. Irgendwie hatte mein Zustand nicht mehr so viel mit dem Zustand der Straße zu tun.

Irgendwann schaute unser Gastgeber rein und bot an, gutes Bier zu holen. Also deutsches. Nachdem ich bereits ein japanisches hinter mir hatte, ging ich gerne darauf ein. Wir saßen noch stundenlang da, ohne dass ich auch nur einmal meinen Platz am Fenster verlassen hätte. Das Gespräch an sich war mit das heilsamste, was ich jemals geführt hatte. Dabei ging es fast ausschließlich um Geld, d.h. über die Bedeutung von Geld, wie es mit dem eigenen Lebensstil zusammenpasst, worauf es beim Geld verdienen ankommt, wie man das, was einem über alles wichtig ist, zu Geld machen kann, was einem dabei im Wege steht. Nach einem letzten Absacker fiel ich ins Bett. Auch draußen war es mittlerweile ziemlich still geworden.

Am nächsten und unserem letzten Tag dann die Challenge: Unser Bus fuhr am frühen Abend ab, und aufgrund der Hitze und auch sowieso wollten wir noch einen Strandtag einlegen. Die Brooklyn und Long Island Strände stellten sich schlussendlich als zu weit weg heraus, und logisitisch mit Gepäck und zur Busabfahrt kommen im Grunde unmöglich. Blieb die Bronx – der Stadtteil, von dem mir immer abgeraten wurde. Viel zu gefährlich. Auch unser Gastgeber war skeptisch, und der war immerhin jahrzehntelanger New Yorker. Irgendwie war ich trotzdem neugierig, so dass wir ein wenig recherchierten und zu dem Schluss kamen, es drauf ankommen zu lassen.

So fuhr ich also das erste Mal per U-Bahn durch die Bronx. Da sie dort zum großen Teil oberirdisch verläuft, bekamen wir einen ersten Eindruck von dieser „Gefahrenzone“. Irgendwie war dort alles überraschend ruhig, klar und fast schon vorstädtisch. Keine heruntergekommenen Plattenbauten-Wohnblöcke, wie ich sie mir in meiner Fantasie ausgemalt hatte. Eher kleine Wohnhäuser, sehr übersichtlich.

Am Strand verschlug es mir dann den Atem. Er war richtig, richtig schön.

Nach einem kurzen Stück an der Strandpromenade trafen wir auf Polizeibeamte, die dort immer verfügbar waren – um Auskünfte zu geben, verlorene Kinder wieder den Eltern zuzuführen und ein klitzekleines bisschen vielleicht auch zur Sicherheit. Wir fragten nach dem besten Strandzugang für Rollstühle und los ging die Party. Also wirklich. In unserem Strandabschnitt dröhnten die Lautsprecher – es war ausgelassen, aber gleichzeitig freundlich und friedlich.

Und Engel gab es auch. Angela sprach mich an und fragte mich mit Blick auf Lennard, ob das mein Sohn sei. Dann gratulierte sie mir zu diesem fantastischen Kind, und dazu, dass wir an den Strand gekommen waren, und dass er dort rumtobte wie ein ganz normales Kind. Ach ja, und sie habe ein rollstuhlgerechtes Ferienhaus in Florida und würde sich riesig freuen, wenn wir uns dort mal einquartieren wollen. Im Ernst. Nicht so einfach dahin gesagt – aus ihren Augen sprach purer Ernst und Anerkennung. Sie gab mir ihre Karte, und ich freue mich jetzt schon sehr.

Auf der Rückfahrt hatten wir oben und ganz vorne jeweils zwei Sitze pro Person, was ein wenig mehr Bewegungsfreiheit bedeutete.

Das kam sehr gelegen, denn die Fahrt zog sich nachher auf 14 Stunden und war schlaftechnisch wegen der häufigen Stops vor allem für mich ziemlich beschwerlich. Aber irgendwie machte es nichts. Das was, wir in den Tagen zuvor bekommen hatten, konnte uns niemand und nichts mehr nehmen.

Ich kam als neuer Mensch nach Toronto zurück.

Wer weiß, vielleicht hat mir die 18-jährige von damals wieder Leben eingehaucht. Oder das Meer. Die unerschütterliche Ruhe des Central Parks, oder das Rauschen der Klimaanlagen in den engen Hochhaus-Straßenschluchten von Süd-Manhattan.

Wahrscheinlich alles zusammen.

Vielleicht war es gerade das überwältigend Geschäftige New Yorks an sich, was mich hat zur Ruhe und aus der Krise kommen lassen. Eine Stadt wie diese, dann auch noch mit Kind auf einem geplatzten Rollstuhlreifen, und per Busanreise, kann man vielleicht nur erobern, wenn man sämtliche Kontrolle aufgibt.

Sich hingibt, aufgeht, annimmt. (Und ein paar deutsche Bier trinkt.)

P.S. Auch das Problem mit dem Busunternehmen konnte ich nach unserer Reise klären und meine Erstattung samt einer dicken Entschuldigung in Empfang nehmen :-)