Schlecht in der Schule zu sein hat etwas hartnäckig Unabänderliches. Einmal schlechter Schüler, immer schlechter Schüler und der (Lebens-)Weg ist quasi vorgezeichnet.

Deswegen kann ich es selbst noch kaum glauben, was bei Lennard gerade passiert.

Zunächst ein Rückblick: Er hat sich seit seiner Einschulung mit der Schule schwer getan. Und alles deutete schon vorher darauf hin: Die Vorschul-Diagnostik ergab eine fast geistige Behinderung, und in der dritten Klasse war er in den Hauptfächern ziemlich hoffnungslos abgehängt. Und auch wenn wir Eltern ihn immer wieder ermutigten, halfen und sagten, dass Noten keine so große Bedeutung haben – es aß an ihm. Die Schule war natürlich auch keine große Hilfe. Denn die gängigen „Förder“maßnahmen (Individuelle Lehrpläne, Notenaussetzen etc) ändern nichts an dem grundlegenden Problem, dass hier ein Kind partout nicht an seine Fähigkeiten herankam.

Genau dieser letzte Punkt schwirrte mir in den letzten Jahren unausgegoren im Kopf rum. Denn Lennard war aus meiner Sicht kein unfähiger oder lernbehinderter Junge. Im Alltag zeigte er Fähigkeiten, die auf eine hohe Auffassungsgabe, Interesse, Neugier und Freude am Lernen hindeuteten. Aber sobald er irgendetwas im Klassenzimmer machen sollte, war da irgendwie eine Wand zwischen Lehrinhalten und dem, was er bei sich abrufen konnte. Ich wies immer wieder auf diese Diskrepanz hin und machte Vorschläge, wie man Lennard auf die Sprünge helfen konnte.

Natürlich nahm mich niemand ernst. Ich war halt die typische Mutter, die den Tatsachen nicht ins Auge sehen wollte. Die verblendet war, sich irgendwelche Illusionen von der Intelligenz ihres Kindes machte, sich immer querstellte und an irgendwelche anderen Wege glaubte.

Und ja, an die glaubte ich, auch wenn ich sie lange Zeit nicht klar benennen konnte. Ich hatte einfach jede Menge Beobachtungen: Z.B. dass Lennard viel besser lernte, wenn er in einer realen Situation war. Wenn ihm Verantwortung übertragen wurde. Wenn es seine speziellen Interessen traf. Wenn er sein Tempo gehen konnte – was manchmal schneller und oft langsamer als der Durchschnitt war. Dass er seine beiden Augen unterschiedlich einsetzte, das linke manchmal beim Lesen komplett ausblendete in dem er den Kopf etwas drehte. Dass er Dinge hören musste vs. nur sehen oder lesen. Dass er sehr gut darin war, auch (für ihn) komplexe Bewegungssequenzen zu planen und seinen Körper zu organisieren, obwohl dieser ihm noch nicht mal besonders gut gehorchte.

Es dauerte trotzdem, bis meine Ideen dazu zusammen kamen. Ich glaube am Anfang musste ich erstmal darüber hinwegkommen, dass er anders lernte als ich. Ich war immer die klassisch gute Schülerin gewesen, und es hatte mir nie etwas ausgemacht, für die Schule und später fürs Studium zu lernen. Warum konnte er das nicht einfach auch?

Als ich diese Arroganz nach und nach beiseite legen konnte, und über das Studieren von Neuroplastiztität mehr über das Gehirn erfuhr, wurde mir nach und nach klarer, was hier eigentlich im Gange war. Und was helfen könnte.

Denn man muss wissen, dass das Unterrichten an einer ganz normalen deutschen Schule eben nur einen „Lerntyp“ bedient – nämlich den, der die übliche Dominanz der Augen und Ohren zeigte, vor allem visuell lernte und links-dominant/linear dachte. Das trifft auf einen großen Teil von Menschen zu – aber eben nicht auf alle. Und die haben in einer normalen Schule einfach Pech gehabt.

Der Rest ist Geschichte. Kanada-Reise, Tomatis-Programm, Laser-Behandlungen.

Und schließlich die große Überraschung.

Als wir unsere Reise planten war mir zwar klar, dass Lennard in Kanada zur Schule gehen sollte – aber ich hatte ehrlich gesagt keine große Erwartungen. Ich wusste, dass er nicht viel verstehen würde; aber mir war es wichtig, dass er mit anderen Kindern zusammen sein und einen Tagesrhythmus haben würde. Und irgendwas würde er bestimmt dabei aufschnappen.

So machte ich mich erst vor Ort dran, alles Schulische zu organisieren. Innerhalb von zwei Wochen war er in der für unsere Wohngegend zuständigen Public Junior School – in der dann plötzlich alles anders wurde.

Erst sah es wieder absolut nicht danach aus. Die Schulleiterin empfahl für Lennard spontan eine Learning Disability Klasse – und mir stellten sich die Nackenhaare auf. Schon wieder ein Label. Schon wieder ein Sondersituation, die, in diesem Fall, schlechte Schüler zusammenpferchte.

Aber irgendwie war sie behutsam und empathisch genug, um die Idee doch interessant aussehen zu lassen. Immerhin wäre er auf einer ganz normalen Schule. Die Klasse war klein, mit zwei Lehrerinnen, und integrierte phasenweise in die normalen Klassen. Die Schüler kamen aus den Jahrgangsstufen 4, 5 und 6 – jahrgangsübergreifende Klassen fand ich ohnehin gut. Und in den Pausen könnte Lennard einfach mit allen Kindern spielen. Aber so könnte er in Ruhe, in seinem Tempo, seine Lücken schließen und Englisch lernen. Einen Versuch war es wert.

Und plötzlich kam alles zusammen.

Denn wie durch Zufall konnte Lennard auf einmal hier auf seine Art und Weise lernen. Er brauchte mehr Zeit? Kein Problem, jedes Kind wurde eh auf seinem individuellen Niveau unterrichtet. Er hatte spezielle Interessen? Dann bekam er z.B. Lernwörter, die ihn am meisten interessierten. Er hatte auf einmal Interesse daran, die Schreibschrift zu lernen? Auch das war möglich. Er lernte Mathe mehr durchs Hören und Anfassen? Dann gab es eben Aufgaben, in denen er Zahlen laut aussprechen musste, und Material, das er stecken und auseinander nehmen konnte. Er wollte trotzdem was Neues lernen, und nicht nur Lücken schließen? Dann bekam er eben Bruch- und Dezimalzahlen, während er noch Lücken in den Grundrechenarten schließen konnte. Er wollte Geschichten schreiben? Dann durfte er einfach eine Email an seine Lehrerin schreiben, die für eine Woche nicht da war. Und die ihm dann zurückschrieb. Der Sportlehrer organisierte spontan einen Rollstuhlbasketballtag. Insgesamt wird hier wenig von vorne unterrichtet, viel gespielt, sich oft bewegt und viel mit dem Computer gemacht (während in Deutschland die Lehrer noch nicht mal dienstliche Emailadressen haben).

Und das alles nicht etwas an einer teuren Privatschule mit speziellem Konzept; das alles an einer stinknormalen öffentlichen Schule. Und während mit Sicherheit auch hier bei Weitem nicht alles perfekt läuft, so fühlt es sich an, als ob hier viel richtig gemacht wird.

Nach vier Monaten ist es vielleicht noch zu früh für ein Fazit, ob aus Lennard jetzt wirklich ein guter Schüler wird. Aber ich kann definitiv sagen, dass er schulisch gerade aufblüht wie noch nie. Während er sich in der deutschen Schule immer wieder als „dumm“ erlebt und bezeichnet hat, erfährt er jetzt seine Intelligenz und seinen Ehrgeiz. Er fragt mich immer wieder, warum er jetzt so viel besser lernt und ob es nicht toll ist, wie gut er Englisch spricht. Ich habe Lennard noch nie so begeistert stinknormale Hausaufgaben machen sehen. Nicht so wie früher, wo er sie einfach nur erledigen wollte. Jetzt nimmt er sich Zeit, will sie richtig machen, bittet um Hilfe beim Drüberschauen und Korrigieren und freut sich wie ein Schnitzel über seine Erfolge.

Als ich meiner Mitbewohnerin vor einiger Zeit vom deutschen Schulsystem und dem Übertritt in drei verschiedene Schulen ab Klasse 5 erzählte, schaute sie mich nur entgeistert an. „Wow, bei euch bekommen Kinder wirklich keine Chance, eh?“. So ähnlich geht es allen, denen ich davon erzähle. Keiner kann fassen, dass man die Noten von 10-jährigen Kindern hernimmt, sie dann darauf basierend aussiebend trennt und auf zukunftsentscheidende Schulwege schickt. Es wirkt auf mich, als ob man hier selbstverständlich und intuitiv versteht, dass mit 10 Jahren noch längst nichts entschieden ist.

Noch nicht mal, dass man für immer ein schlechter Schüler sein muss.