Erstmal muss ich meinen Ärger runterschlucken, dass dieser Text etwa zur Hälfte fertig war, aber diese Webseite hier den Entwurf einfach komplett verloren hat. Komisch, dass so etwas heutzutage noch passieren muss. Grrr. Naja, auch eine Gelegenheit diesen Text vielleicht etwas besser zu schreiben.

Da mein Sohn Lennard [ich habe jetzt mal beschlossen, ihn mit Namen zu nennen (statt immer nur "mein Sohn" zu schreiben), allerdings nicht mit seinem richtigen; zum Teil aus Privacy-Gründen, zum Teil weil ich den Namen Lennard auch mag] jetzt einen großen Teil der Behandlungen hinter sich hat, fällt es mir jetzt aus der nahen rückblickenden Distanz etwas leichter, erste Fazite zu ziehen. So im Sinne: Hat es was gebracht? War es den ganzen Aufwand wert? Würde ich anderen Eltern dazu raten?

Um es vorweg zu sagen: Ich würde alles genau so wieder machen. Das, was ich hier wollte, ist zum größten Teil aufgegangen, zum Teil hat der Aufenthalt hier uns sogar über alle Maßen positiv überrascht.

Dennoch war es gewagt. Denn einfach mal ein Buch über Neuroplastiztität zu lesen, und daraufhin sich auf eine weite und lange Reise zu machen, ist schon ein ziemlicher Stretch. Denn ein Buch enthält von Natur aus vor allem erfolgreiche und beeindruckende Anekdoten - und nicht all die, bei denen nichts oder nicht viel passiert ist.

Wie entscheidet man also möglichst plausibel im Vorfeld, was eine ausreichend wahrscheinliche Aussicht auf Erfolg hat? Dass die Methode wirklich für das eigene Kind geeignet ist? Woher kann man wissen, ob man wirklich in guten Händen sein wird, wenn man erstmal vor Ort ist?

Klar, man muss sich durch Informationen und am besten noch wissenschaftliche Artikel lesen. Aber was sich für mich im Nachhinein als fast schon qualitätsprophezeiend herausstellte war der sogennante Intake-Prozess - d.h. alle Kontakte und Informationsaustausche lange bevor überhaupt die erste Behandlungseinheit stattfand. Da unterschieden sich die zwei von uns besuchten Einrichtungen enorm - und dieser Unterschied setzte sich irgendwie dann weiter fort. Für alle, die auch mit dem Gedanken einer Therapiereise wo auch immer hin spielen, versuche ich daher im Folgenden ein paar Kernaspekte einer gelungenen Vor-Therapie-Phase herauszuschreiben:

The Listening Centre vs. Meditech/Bioflex Laser Clinic - der Intake-Prozess

Kurz zur Definition und Chronologie: Als Intake-Prozess bezeichne ich jetzt einfach mal den gesamten Zeitraum zwischen meiner allerersten Email-Kontaktaufnahme mit den Einrichtungen bis zur allerersten Behandlungseinheit.

Erste Rückmeldung

Wie ist das so, wenn man Einrichtungen schreibt, die in einem populären Buch sehr positiv dargestellt werden? Sind die dann schon hoffnungslos überlaufen? Oder arrogant? Melden die sich überhaupt zurück? Das Listening Centre ließ sich tatsächlich ganze zehn Tage Zeit, entschuldigte sich dann sehr höflich dafür und schickte Informationsmaterial, eine Preisliste sowie einen Terminvorschlag für ein erstes Telefonat zum Kennenlernen.

Von der Meditech-Klinik kam nach fünf Tagen eine Email von Dr. Fred Kahn persönlich. Die Informationen blieben vage - die Laser könnten bei Zerebralparese helfen oder auch nicht, und wenn wir Interesse haben, sollen wir uns melden (hatten wir doch schon?).

Anamnese und Abschätzung, ob die Methode passen könnte

Das Telefonat mit dem Listening Centre war zuvorkommend, professionell und informativ. Louise ist im Listening Centre im Grunde "nur" dafür da, mit Interessenten zu kommunizieren und arbeitet einen strukturierten Intake-Prozess in einer wertschätzenden Art und Weise ab. Im nächsten Schritt bekam ich einen umfangreichen Fragebogen, deren Antworten dem Team des Listening Centres helfen sollten abzuschätzen, ob das Programm für Lennard überhaupt geeignet war.  Außerdem würden diese Antworten auch als Baseline für Lennards Entwicklung während der Behandlungen dienen. Die Preisinformationen waren klar und wir wussten von Anfang an, welche Kosten auf uns zukommen würden.

Nachdem ich der Meditech-Klinik nochmals unser Interesse bekräftigt hatte, bat ich um Ideen/Literaturtipps, um auf eigene Faust abzuschätzen, ob eine Laserintervention in Lennards spezifischem Fall von Zererbralparese voraussichtlich helfen könnte. Dazu bekam ich nichts, sondern lediglich den Hinweis, dass man es einfach probieren müsste, und wenn man es nicht probiere, dann verändere sich auch nichts. Auf meine Fragen nach Kosten antwortete Dr. Kahn, dass diese "moderate" seien, also mäßig hoch; was gut aber irgendwie nicht so genau klang. Ich hakte nach; man sagte mir, dass pro LED-Array und halbe Stunde 50 Kanadische Dollar fällig sind. Wieviele Arrays und wie lange Lennard behandelt werden würde konnte man mir aber nicht sagen. Ok, eine erste grobe Kostenabschätzung war aber zumindest möglich.

Terminplanung

Das Listening Centre schickte mit etwa zwei Monaten Vorlauf sämtliche Termine beider Behandlungsblöcke. Die Meditech-Klinik empfahl einen Block von 10 Behandlungstagen, und ich schickte selbst einen Terminvorschlag mit vier Monaten Vorlauf. Mit beiden Einrichtungen war es möglich die Termine so zu legen, dass Lennard prinzipiell zur Schule gehen könnte.

Vor dem ersten Termin und Eingangsuntersuchung

Das Listening Centre schickte in der Woche vor dem ersten Behandlungstag per Email noch mal eine Terminübersicht des ersten Blockes inklusive genauerer Informationen, d.h. wann ich Vor-/Zwischen-/Abschlussgespräche mit Paul Madaule haben würde. Der erste Behandlungstag begann mit einer Hör- und Körperwahrnehmungs-spezifischen Diagnostik, und einem ausführlichen Gespräch mit Paul in Bezug auf mögliche Entwicklungen und Veränderungen, die sich duch das Programm für Lennard ergeben könnten.

Von der Meditech-Klinik hörten wir nichts weiter; ich kontaktierte Dr. Kahn ein paar Tage vor der ersten Behandlung mit der Info, dass wir länger als geplant in Toronto bleiben würden und ob wir daher die Termine möglicherweise etwas umplanen/entzerren wollten. Es kam nur die Rückmeldung, einfach erstmal wie geplant zum ersten Termin zu kommen. Die Eingangsuntersuchung war knapp und bestand im Grunde aus einem Hand Grip Strength Test und qualitativen Beurteilungen der Gelenkbeweglichkeiten. Dr. Kahn verschwand nach etwa 10 MInuten aus dem Untersuchungsraum und überließ uns seinem Mitarbeiter Randy. Insgesamt war es für mich schwer zu erfassen, wohin diese Behandlungsreise eigentlich gehen würde. In der Tat brauchte es etwa drei Behandlungstage und mehrere Gespräche mit Dr. Kahn und etwa vier Mitarbeitern, bevor ich ein besseres Gefühl hatte, worauf wir uns eigentlich einlassen würden. Die Termine wurden komplett umgeplant, und dass nach 10 Behandlungen alles abgeschlossen sein würde, war dann auch nicht mehr so klar.

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FAZIT

Wahrscheinlich hat man es mir in der obigen Beschreibung schon ziemlich deutlich ange"hört": So richtig gute Freunde wurden die Meditech-Klinik und ich bis heute nicht. Was eigentlich super schade ist, denn ich sehe prinzipiell ein großes, weitgehend unbekanntes und unterschätzes Potential im Einsatz von Niedrigenergie-Lasern auf Lennards und andere Zentrale Nervensysteme. Außerdem sind alle, mit denen wir dort zu tun haben, sehr freundlich, engagiert und interessiert. Deswegen ist mir um so unverständlicher, wie unsystematisch und fast schon unprofessionell die Klinik mit ihrer eigenen Methode umgeht. Für mich steht fest, dass ich mit Sicherheit nicht extra nur für das Lasern nach Toronto gekommen wäre - da hing irgendwie zu viel in der Luft. So als Zusatz, neben dem Tomatisprogramm, war es für mich vertretbar, das Risiko trotzdem einzugehen. Denn bei dem Listening Centre hatte ich das Gefühl, solide Klarheit, Transparenz und Professionalität zu bekommen - egal was dann am Ende herauskommen würde.

Klar kann es einer Klinik egal sein, von wie weit her ihre Patienten und Klienten kommen - aber wenn ich selbst die lange Reise mache, dann möchte ich das Gefühl haben, dass die Einrichtung das zu schätzen weiß und alles dafür tut, um mein Investment zu unterstützen. Dem Listening Centre ist das definitiv gelungen - der Meditech-Klinik nicht wirklich. Gleichzeitig hat mich die fehlende Systematik auch dazu herausgefordert, wirklich dranzubleiben, nachzuhaken und nicht locker zu lassen bis ich die Informationen hatte, die ich wollte.

Vielleicht hat es also genau die Qualität in mir gestärkt, die man braucht, um komplett verloren gegangene Blogartikelentwürfe, ohne allzu großes Jammern, einfach nochmal neu zu schreiben.