Das erste Mal in meinem und Lennards Leben bin ich in "Vollzeit" als Mutter für ihn zuständig. Mittlerweile seit gut drei Monaten. Von dem komfortablen Wechselmodell in München, welches mir die Hälfte der Tage zur freien Verfügung gegeben hat - hin zu: täglich kochen, planen, waschen, bei den Hausaufgaben helfen, Probleme lösen und ins Bett bringen.

Ich muss sagen, dass das besser klappt als gedacht. Auch weil Lennard mittlerweile groß genug ist, um auf eigene Faust loszuziehen und sich in der Nachbarschaft zu beschäftigen. Das macht er wirklich super. An manchen Tagen kommt er nur kurz nach der Schule heim, macht seine Hausaufgaben und dann sehe ich ihn bis zum Abendessen nicht mehr.

Aber wie jede alleinerziehende Mutter weiß, ist es eben auch nicht so ganz ohne, jeden Tag verfügbar zu sein. Nicht mal schnell was abgeben zu können. Außerdem kommen hier noch die Behandlungen dazu, die ich zum Teil ja mittlerweile selbst durchführe. Irgendwie steigt damit die Verantwortung und fordert noch mehr Aufmerksamkeit für alles, was Lennard macht, und wie er sich entwickelt.

Und dann kommt da dieser Muttertag, an dem man auf entspannte und rundum geschätzte Mutter machen darf. Ein Tag, der mir persönlich gar nicht wirklich wichtig ist. Aber trotzdem kommt mir das Bild ausgeschlafener, frisch frisierter Mütter, die von ihren hingebungsvollen Ehemännern verwöhnt und den fein hergerichteten Kindern den ganzen Tag über angestrahlt werden. Diese Vorstellung, die einem vorhält, wie dieser Tag eigentlich aussehen sollte. Nur dass hier niemand ist, der mir das Frühstück ans Bett bringen und mich mit Blütenblättern überschütten könnte.

Also richtete ich mich darauf ein, dass es einfach ein normaler Sonntag werden würde, der nach 24 Stunden genauso vorbei wäre wie jeder andere auch.

Aber es kam ein wenig anders. Wer hätte gedacht, dass ich an meinem 10. Muttertag völlig übernächtigt, verkatert und überglücklich durch den Tag schleichen würde.

Es begann wie meistens an einem Samstagabend hier - meine Mitbewohnerin und ich machten uns auf ins Torontoer Nachtleben. Naja, ok, eigentlich nur in den Bar-Club an der Ecke 3 Minuten von unserem Haus entfernt, der mir Tanzen gehen ermöglicht, während Lennard bewacht von Hunden und Hausnachbarn friedlich zu Hause schlummert. Diese ein bis zwei Stunden Freiheit, die mich immer wieder auftanken.

Diesmal kamen Dianas wundervolle, immer lachende Cousine und unsere ebenso tanzfreudige Nachbarin mit.

Und dann wurde es eine dieser Nächte, die einfach von selbst laufen. Statt nach einer oder zwei Stunden ausgetobt und früh schlafen zu gehen, stießen irgendwie immer mehr von Dianas Bekannten und schließlich uns zuvor nicht bekannte, attraktive junge Männer zu unserer illustren Gruppe. Wir konnten nicht aufhören zu tanzen. Ich checkte regelmäßig mein Telefon, aber Lennard schien seinen wie immer guten Schlaf zu zelebrieren. Ehe ich mich versah, saß ich vom Abtanzen durchgeschwitzt mit einem höchst ansehnlichem Kanadier knutschend an der Bar. Und dann bei uns zu Hause auf dem Sofa. Bis ich ihn vom Knutschen ermüdet, seine Telefonnummer einspeichernd, bis auf Widerruf heim gehen ließ und mich Diana und den anderen mittlerweile Heimgekommenenen auf einen Absacker anschloss. Zwischendurch bellten die Hunde, Lennard wurde wach, amüsierte sich kurz köstlich ob des spätnächtlichen Lebens, bevor er wieder selig einschlief. Erst kurz vor dem Morgengrauen ließen Diana, Cousine und ich nach dem zweiten Absacker und den üblichen tiefgreifenden Küchenbodengesprächenalles stehen und liegen, um endlich ins Bett zu fallen.

Ungefähr drei Stunden später, während er meinem Wachwerden ein wenig nachhalf, fragte Lennard mich, was "kurz" auf Englisch hieße. Ich sagte es ihm, woraufhin er mich mit einem "It was a short night" zum Lachen brachte.

Und während ich benommen und grinsend mit ihm und den anderen zwei Nachtgeschädigtinnen beim Frühstück saß, überkam mich eine Riesendankbarkeit. Genau DAS war mein Muttertag. Nicht das rosarote Verwöhnprogramm. Sondern das Mutterdasein mit allen Kräften zu feiern, und die daraus verbleibende glückliche Müdigkeit zu genießen.

Oder um es mit Dianas Worten zu sagen: Am Muttertag kann man einfach machen, was man will.

Ich wünsche all den tollen Müttern, die ich kenne, einen wundervollen Tag - ganz so, wie jede ihn auf ihre ganz eigene Art und Weise verbringen mag!