Das letzte Update ist schon eine Weile her. Und auch wenn es damit zu tun haben könnte, dass es nicht einfach ist, regelmäßig zu schreiben, wenn der Alltag wieder dicht getaktet ist. Aber ich glaube, dass der eigentliche Grund für diese Update-Pause ein anderer ist:

Es ist schwierig in Worte zu fassen, wie schön es hier ist. Wie gut es mir und uns tut, diese Reise zu machen. Was für Dinge passieren, ohne, dass ich viel dazu tun muss.

Es ist nicht so, dass alles immer rosarot und toll ist. Es gibt Schwierig- und Nervigkeiten, Ärgerliches und Trauriges. Aber es ist so, als ob alles - egal ob schön oder nicht - von einem leichten, kaum merkbaren positiven Schimmern umgeben ist.

(Klingt fast wie das genaue Gegenteil von meinem bisherigen Leben.)

Es ist fast, als ob ich immer noch darüber staune, hier auf etwas Besonderes gestoßen zu sein. Als ob ich nun dieses Glück nicht hergeben will. Nicht in Worte fassen, nicht mit anderen teilen – weil es einfach gut tut, sprachlos zu sein. Vielleicht habe ich auch Angst, dass es schon morgen wieder schlechter laufen könnte, und dass dieses leichte Schimmern lediglich eine kurze Illusion war.

Vielleicht ist es mir auch etwas fremd, über großes Glück zu schreiben. Wo bleibt da die Herausforderung? Die Spannung? Das Interessante? Der 2. Akt des Heldenkampfes, der eine jede gute Geschichte ausmacht?

Ich versuche es trotzdem. Weil ich glaube, dass es zwar einerseits einfach ein riesiger Zufall ist, der sich urplötzlich ergeben hat - andererseits aber auch nicht. Ich glaube, dass das, was ich gerade erlebe, reproduzierbar ist. Ich glaube, dass jeder, ganz systematisch und ohne Drama, zufällig auf sein eigenes großes Glück stoßen kann.

Nicht das laut schreiende Lottogewinn-Glück. Eher die stille Zufriedenheit die entsteht, wenn man sich davon löst, wie das Leben zu sein hat.

Es ist schwer, solche Vorstellungen regelmäßig zu hinterfragen, loszulassen oder gar herauszufordern. Vielleicht unmöglich. Vielleicht ist das auch gar nicht nötig. Vielleicht kann man diesen Vorstellungen einfach etwas gegenüberstellen: Nämlich systematisch Möglichkeiten zu schaffen, ganz zufällig in das eigene Glück zu stolpern.

 

Ich bin jetzt nicht gerade Expertin in diesem Glück-Reinstolpern, da ich schon ganz gerne zu wissen meine, wie ein gutes Leben zu sein hat. Um so dankbarer bin ich, dass diese Kanada-Reise ein wenig forsch an diesen Vorstellungen rüttelt, und mich mit einem unaufgeregten inneren Frieden überrascht - obwohl wir hier in viel einfacheren Verhältnissen leben als zu Hause in München.

Wie kann das sein? Hier meine Vermutungen dazu (damit ich es für die Zukunft nicht vergesse):

1. Den nächstliegenden Schritt machen

Ja, planen, Visionen haben, groß denken und das alles hart-arbeitend verfolgen ist fein. Aber all diese Planungen, Visionen und großen Gedanken können möglicherweise durchtränkt sein davon, was angesehen ist, ehrbar erscheint, cool sein könnte oder was die Eltern für einen wollten. Diese Überlagerung kann auch für sehr erleuchtete Menschen wie mich (haha) sehr schwer zu fassen sein. Zum Beispiel bin ich seit jahrzehnten überzeugt davon, dass man als einigermaßen intelligenter Mensch, oder überhaupt als Mensch, einen angemessenen Job haben sollte, der einen erfüllt, Einkommen erzeugt und den eigenen Ehrgeiz herausfordert. Und seit Jahrzehnten suche ich nach genau so etwas. Im Grunde war die Kanada-Reise der Gegenentwurf dazu: Kein Job, kein Gehalt, nichts für den Lebenslauf. Nur Ausgaben, ein hohes Zeitinvestment und eine große Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Behandlungen nichts bringen. Aber eigentlich war es das absolut nächstliegende und selbstverständliche: Nämlich dem nachzugehen, was mich im Alltag mit am meisten beschäftigt und begeistert - nämlich mein Sohn, seine Entwicklung und die Möglichkeiten des Gehirns. Es war im Grunde absolut logisch, den Schritt zu machen. Aber eben nur dann, wenn das Leben nicht aus einem Job bzw Selbständigkeit und Planbarkeit bestehen muss.

2. Komfort-Anforderungen testen.

Starrheit im Leben kann dadurch entstehen, dass man glaubt, ein bestimmtes Komfort-Niveau zu brauchen. Z.B. beim Wohnen, Mobilität, Kleidung, sogar beim Sitzen, oder wie oft man auswärts essen geht. Mit Komfort meine ich nicht direkt Bequemlichkeit, sondern den Zustand, den man meint zu brauchen, um sich sicher im Leben zu fühlen. Für mich war diese Reise eine Herausforderung im Wohnen: Von: der geräumigen 3-Zimmer-Wohung zu: WG, und ein Zimmer und sogar Bett mit meinem Sohn teilen.

Ich sage nicht, dass man radikal alles verschenken und unter freiem Himmel am Strand leben soll (hmmm....?). Sondern eher regelmäßige Tests wagen, und schauen, was sie mit einem machen. Der "WG-Wohn-Test" hier war es mir absolut wert - denn hätte ich auf meinem bisherigen Komfortniveau hier in Toronto wohnen wollen,  wäre diese Reise finanziell gar nicht möglich gewesen. Und siehe da: Das WG-Leben schenkt mir gerade so viel Freundschaft, Miteinander, und Übung in Toleranz - da hätte ich noch lange ungestört durch meine langen Münchener Wohnungs-Flügel wandeln können.

3. Sich viel Neuem Aussetzen, aber nicht beliebig.

Wenn man über das eigene Glück stolpern will - muss man sich logischerweise in unbekannte Gefilde aufmachen, Neues ausprobieren, andere Menschen und Orte kennenlernen. Dinge tun, von denen man vorher nicht weiß, ob sie Spaß machen, erfüllend sein und sich ausbezahlt machen werden. Man muss dem Zufall so breit wie möglich auf die Sprünge helfen.

Aber nicht einfach drauf los. Sondern ein wenig systematisch. Das ist der kritische Balanceakt dabei.

Klar kann man 500 Bewerbungen schreiben, wenn man sich beruflich verändern will, oder 10 neue Therapiemethoden ausprobieren - in der Hoffnung, dass irgendwas oder alles zusammen schon irgendwie fruchten wird. Aber wahrscheinlicher ist, dass man sich ziemlich schnell überwältigt fühlt, kaum noch entscheiden kann und in Beliebigkeit versinkt.

Um das zu vermeiden kann man sich stattdessen überlegen, was gerade am Wichtigsten ist. Wo es einen gerade hinzieht. Das kann auch ein objektiv kleiner Bereich sein.

Für mich fühlt sich das konkret gerade so an: Auch wenn wir hier gerade in einer komplett neuen Umgebung sind, halte ich unseren Alltag eher unspektakulär und sehr an unseren Münchner Routinen orientiert. D.h. wenig Sightseeing und Land erkunden. Wir ernähren uns in etwa gleich, wir gehen zur selben Zeit schlafen, und wir versuchen nicht, in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Menschen kennenzulernen. Mein Sohn geht zur Schule, und auch wenn ich im Moment nicht im eigentlichen Sinne "arbeite", so habe ich meine tägliche Büro-/Schreib-/Erledigungsroutinen.

Die Experimente, das Neue ausprobieren, finden im Grunde vor allem in zwei Bereichen, und auch da "sinnvoll eingezäunt" statt: In den zwei neuen Behandlungsmethoden meines Sohnes und für mich im Bewegungslernen, speziell Ballett. In diesen Bereichen suche ich Herausforderungen, ständig Neues. Ich will möglichst viel über die Behandlungen erfahren und spiele mit verschiedenen Häufigkeiten, Reihenfolgen, Kombinationen. Oder Tanzen: Entgegen meiner Vorliebe, meine Tanzstunden an einem Studio mit möglichst wenig verschiedenden Lehrern zu nehmen, habe ich mich hier herausgefordert, 5 verschiedene Studios und an die 10 Lehrer auszuprobieren. Dem nachzugehen, was für mich funktioniert, und was eher nicht.

Interessanterweise ergeben sich aus diesen für mich und uns gerade superwichtigen Bereichen ganz viel Neues in anderen Bereichen von selbst, ohne dass wir es forcieren müssen. Durch die Schule und das Tanzen lernen sowohl mein Sohn als auch ich viele neue Leute kennen. Und die Tatsache, dass wir unseren Alltag eher unspekatulär halten, lässt uns die Stadt und das Land ein wenig wie Einheimische erfahren. Außerdem gibt es uns die Energie, die wir für all das Neue im Bereich Behandlungen und Lernen brauchen.

4. Den Geruch gleichgesinnter Communities wittern.

Ok, ich will gar nicht erst damit anfangen, wie sehr mein Leben davon geprägt ist, die passenden Gemeinschaften zu finden. Es ist ein altes Lied, nirgendwo so richtig dazu zu gehören. Oder nur so zum Teil. "Freies Radikal" sagte eine Freundin mal dazu - jep, das trifft es. Frei, und manchmal auch radikal. Für viele einfach zu viel, ist auch so ein Gefühl, was ich mit mir verbinde. Oder das Gefühl, dass es anstrengend ist, sich um Kontakte und Freundschaften zu bemühen, und sie zu pflegen. Dass ich mich immer wieder ein wenig dafür verbiegen muss.

Mein Umgang damit: Mich einerseits damit zu arrangieren, kleine Freundschaftsnischen zu haben, Zeit alleine zu genießen - und gleichzeitig nicht aufzuhören, nach den eigenen Tribes Ausschau zu halten.

Und nach all dieser Zeit - riecht es hier an einigen Ecken nach menschlicher Heimat für mich. Dranbleiben und Kontakte pflegen braucht es dann trotzdem, aber es fühlt sich viel leichter und selbstverständlicher an.

Zum Beispiel die Mitbewohnerin, die zwar nochmal zehn Jahre älter ist, aber genau so gerne früh und als einzige auf der Tanzfläche tanzen geht - und nach und nach immer mehr dazustoßende tanzwütige, unkonventionelle 35-50-jährige Frauen aus der erweiterten Nachbarschaft:

Oder wenn ein Eltern-Event an der Schule so anfängt

und stundenlang Tanzen, Trinken, tolle Sachen zu Gunsten der Bibliothek ersteigern beinhaltet, und jedes Gepräch mit diesen Eltern ein absoluter Volltreffer ist - dann fühlt es sich leicht an, für die Organisation der nächsten Schulveranstaltung meine Hilfe anzubieten.

Oder gleich mal fünf Ballettstudios ausprobieren, statt es sich gleich in einem bequem zu machen - und in jedem auf einige wenige Menschen treffen, mit denen es sofort klickt.

5. Etwas sehr lieben, auch wenn es keinen Sinn macht.

Oft genug komme ich mir echt komisch vor, weil sich so viel in meinem Leben seit etwa 2,5 Jahren um das Ballett dreht. Etwas, wofür man sich nach landläufiger Meinung in früher Kindheit formen muss, und dann jahrzehntelang ganztägig trainieren, damit es überhaupt nach was aussieht. Völlig perspektivlos, wenn man als Erwachsene anfängt. Ein schönes Hobby vielleicht, man macht es ja aus Spaß etc usw.

Dementsprechend kümmert es niemanden, wenn man mit 37 Jahren damit anfängt.

Also natürlich geben die Lehrer Korrekturen und geben tolle Stunden. Aber es gibt keine Support-Strukturen von Eltern, Mentoren und Ausbildern wie bei Kindern. Das heißt keiner hat einen Blick auf langfristige Entwicklung, Trainingspensum und die richtigen Progressionen. Keiner hat Verständnis dafür, wenn man dem Training Priorität vor vielem anderen im Leben gibt. Keiner nimmt es Ernst, wenn man mehr erreichen will als einfach nur Spaß haben.

Man muss das alles, für sich selbst, selbst in die Hand nehmen.

Man muss sich selbst den Support geben. Man muss im Grunde selbst sein Training steuern und Entwicklungsstufen planen und sich mögliche Wege dafür zusammensuchen. Man muss die Leidenschaft und den Ehrgeiz fürs Ballett und sich selbst Ernst nehmen.

Bis man, ganz zufällig, nach ein paar Jahren, in einem von den fünf Ballettstudios, die man mutig ausprobiert hat, auf einen ehemaligen Tänzer und Ballettlehrer trifft. Der so beeindruckt ist von der Hingabe, Liebe und harten Arbeit einer mittlerweile 40-jährigen für diesen Tanz, dass er sie unter seine Fittiche nimmt. Ihr für einen mehr als fairen Preis Privatstunden gibt, weil sie es sich sonst in der momentanen Situation nicht leisten könnte. Ihr während seiner mehrwöchigen Abwesenheit den Schlüssel zu seinem Studio in die Hand drückt, damit sie jederzeit dort für sich trainieren kann. Einfach nur, weil er irgendwas in ihr sieht. Weil er sie ernst nimmt. Und ihr ein paar fehlende Puzzlestücke für Ihr Training mitgeben will, die sie mehr als dankbar aufnimmt.

Ich reibe mir immer noch ein wenig verwundert die Augen.

Egal wie absurd oder hedonistisch es sich anfühlt: Niemals darf man sich die Dinge nehmen lassen, die man über alles liebt. Egal ob sie unwichtig sind, oder eh nirgendwo hinführen. Und wenn man keine hat: Dann schnell auf die Suche begeben.

6. Genug Schlafen

Das ist wahrscheinlich der trivialste, kritischste, am meisten unterschätzte und am schwersten umsetzbare Faktor in der ganzen Glücksgeschichte. Und obwohl ich schon immer für viel Schlaf gekämpft habe - bin ich nun wahrscheinlich seit der Geburt meines Sohnes das erste Mal in der Situation, nicht vor 07.00h aufstehen zu müssen. Sogar wenn ich um 07.30h aus dem Bett komme, wird es immer noch nicht übermäßig hektisch. Mein Sohn kann sogar bis um 08.00h liegen bleiben. Grund dafür: Der Unterricht beginnt hier um 08.55h. Diese eine Stunde macht für mich megamäßig viel aus. Vor allem jetzt, nach gut zwei Monaten. Wenn man chronisch ausgeschlafen ist, und dazu noch ohne morgendliche Hektik frühstücken und sich fertig machen kann, dann wird das Leben generell angenehmer und entspannter.

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Vielleicht kommt das Gefühl von Glück und Zufriedenheit, und dieser leichte Schimmer, aber auch gar nicht von dieser Liste. Vielleicht ist es kaum zu fassen. Vielleicht doch alles purer Zufall. Vielleicht wird es verfliegen, wenn wir erstmal eine Weile länger hier sind und alles sich einigermaßen normalisiert hat.

Und dennoch - ich glaube fest daran, dass es damit zu tun hat, sich selbst Möglichkeiten zu eröffnen. Oder andersrum: Sich nicht mit einem halb-zufriedenen Zustand zufrieden zu geben. In dem man vielleicht (materiell) alles hat, abgesichert ist, und seinen festen Freundes- und Familienkreis hat. Aber irgendwas fehlt.

Dann sollte man sich nicht einreden, dass alles doch gut ist, wie es ist. Dass man doch dankbar sein sollte für das, was man hat. Dass dieser Zustand gut genug ist und genügend Highlights bietet.

Sondern weitersuchen.

Es ist schwer - aber es könnte sich mehr als lohnen.