Mein Sohn wird nicht mehr an seine deutsche Grundschule zurückkehren. Gestern habe ich gegen eine saftige Gebühr unsere Flüge umgebucht.

Große, noch leicht ungläubige Freude hier, dass es geklappt hat. Denn es sprach so viel gegen diese Verlängerung. Sie hätte von zwei Seiten (Vater und Schule) komplett ausgeknockt, und von zwei weiteren Seiten (Zwischenmieter in München und Vermieterin in Toronto) zumindest sehr kompliziert gemacht werden können.

Ich bin froh, wirklich etwas für meinen Sohn tun zu können.

Denn ich muss zugeben, dass mir sein Grundschulbesuch schon seit Längerem ein Dorn im Auge war. Dass ich gelitten habe. Jeden Monat sauge ich wahrscheinlich ein Dutzend Artikel, Bücher und TED-Talks darüber auf, wie sehr unser Schulsystem unsere Kinder systematisch von Kreativität, Begeisterung und Flow entfernt. Und nun habe habe ich auch selbst erfahren, was für ein Irrsinn ab der bayerischen 3. Klasse (!) entsteht, wenn es auf den Übertritt zugeht. Ich habe mit eigenen Ohren gehört, wie Lehrer und Tagesheim-Erzieher diesen Irrsinn auch noch befeuern, angeblich weil sie sich doch nur dem Druck der Eltern beugen. Und dann noch die ganze Inklusionsgeschichte, die sich in den letzten zwei Jahren für uns fast schon ins Tragische gewendet hat.

Irgendwie habe ich all dem in die Augen geschaut, nachgedacht, erkannt - und konnte es nicht ausstehen, dass ich nicht wusste, was ich tun sollte. Gefühlt nichts tun konnte. Da war einmal die deutsche Schulpflicht, und dann die Tatsache, dass Alternativen zum öffentlichen Schulsystem in München rar waren, daher sowieso überlaufen - und zudem oft doch nicht so toll wie gepriesen, wenn man genauer hinsah. Oder sehr weit entfernt.

Diese gefühlte Schul-Auswegslosigkeit konnte ich ich nur durch leichte Verharmlosung ertragen. Am Ende war es vielleicht doch alles nicht so schlimm? Irgendwie würde mein Sohn schon durchkommen? Millionen von anderen Kindern schaffen es auch ohne Totalschaden? Immerhin war er auf einer normalen Schule?

Von Toronto und dem Schulbesuch hier wollte ich einfach eine kleine Atempause. Die schon mühsam erkämpft war. Denn die Rektorin der (deutschen) Grundschule hatte nicht etwa für den von uns beantragten Zeitraum die Schulbefreiung bewilligt, sondern nur bis zum exakt letzten Tag der therapeutischen Behandlungen, d.h. bis Mitte April. Sie ist tatsächlich davon ausgegangen, dass man ein Kind am letzten Therapietag in ein Flugzeug stecken, sechs Zeitzonen überfliegen lässt und vom Flughafen aus direkt in die Schule karrt. Sowohl sie als auch das Schulamt gaben zu erkennen, dass es mit dem Abschlusszeugnis der 4. Klasse wegen der "langen" Abwesenheit sowieso eher schwierig werden würde. Keinerlei Unterstützung, kein ermutigendes "toll was Sie für Ihren Sohn machen, das kriegen wir schon irgendwie hin!".

Und dann war da natürlich die lange Trennung vom Vater, die verständlicherweise auch ein großer Einschnitt war. Eine Antwort auf sie hatte ich nicht. Ich konnte die Wehmut über sie nachvollziehen, ich konnte ihn nach Kanada einladen - aber ich konnte ihm nicht die Sehnsucht nach seinem Sohn nehmen. Ich konnte mich nur bedanken, dass er zustimmte. Und dann auch noch mitfinanzierte.

Eine erste vage Ahnung, dass hier mehr als nur eine Atempause entstehen könnte, hatte ich nach dem ersten Kennenlerngespräch mit der Schulleiterin unserer kanadischen Sprengelschule. Im Grunde war ich schon während dieses ersten Termins tief erschüttert und geschockt. Im positiven Sinne. Ich war fassungslos, wie wohlwollend und schülerfreundlich man Schule auch machen konnte. Hier waren auch Lehrer, Schulleiterin, Schulbehörden-Mitarbeiter, also auch alles Menschen - aber sie lebten Schule ganz anders. Gut, ok, sie mussten auch nicht 8-jährige in ein dreigliedriges Schulsystem peitschen.

Ich muss zugeben, dass vielleicht hier schon erste Reise-Verlängerungsfantasien in meinem Kopf entstanden. Nach den ersten Schultagen konnte ich es nicht mehr aushalten und sprach im Vertrauen mit Lennards Tomatis-Therapeuten darüber. Dass ich das Gefühl hatte, dass diese Schule meinem Sohn gerade mega-gut tat, und Null Vergleich mit der Situation in Deutschland war. Dass aber eine noch längere Trennung vom Vater wahrscheinlich nicht verhandelbar wäre. Und all die anderen Hürden, die einer Verlängerung im Weg standen. Paul brachte es dann auf den Punkt: Wenn die Situation in der neuen Schule meinem Sohn wirklich so gut tat - dann würde er von ganz alleine damit kommen, länger bleiben zu wollen. Und seinen Vater, und alle anderen damit auch überzeugen können.

Es dauerte genau einen Tag. Mein Sohn war missmutig drauf, als ich ihn von der Schule und dann später vom Tomatis-Training abholte. Bis es dann irgendwann aus ihm rausbrach: Dass er nicht mehr in seine deutsche Grundschule zurück wolle. Er sagte das da und in den folgenden Tagen mit einer Klarheit und Vehemenz, die ich nicht erwartet hatte. Vor allem angesichts der Tatsache, dass er immer gerne zur Schule gegangen war, trotz aller Widrigkeiten an und mit ihr.

Vielleicht hatte er einfach erst durch den Kontrast erleben können, dass Schulleben ganz anders sein könnte.

Mein Sohn blieb dabei - und konnte so auch seinen Vater überzeugen. Ich applaudiere seinem Willen, und mit welcher Gradlinigkeit er sich selbst mal eben ein besseres Schulleben gestaltet hatte. Dass meine Zwischenmieter in München dankbar den Untermietvertrag verlängerten, genauso wie unsere Vermieter-Mitbewohnerin in Toronto sich total über unsere Verlängerung freute, war dann irgendwie schon geschenkt, so richtig wie sich alles anfühlte. Und auch die kanadische Schulleiterin gab innerhalb weniger Tage grünes Licht, inklusive Zusage für ein Zeugnis am Schuljahresende.

Manchmal kommt kurz auch ein wenig Heimweh hoch. Die Sehnsucht nach dem Vater. Aber ich glaube mein Sohn weiß ganz genau, dass dies zu seinem Wunsch dazu gehört. Ich lasse ihm diese so notwendige Trauer und halte ihn, manchmal zusammen mit dem von uns mittlerweile semi-adoptierten Hund.

Das soll kein Plädoyer für das kanadische und gegen das deutsche bzw bayerische Schulsystem sein. Auch hier in Kanada ist bei Weitem nicht alles perfekt. Und bestimmt wird es auch in diesem Halbjahr weitere Herausforderungen, Frustrationen und Heimweh geben. Genauso wie es auch in Deutschland Schulen gibt, die einen großartigen Weg gehen. Wir konnten nicht vorhersehen, dass mein Sohn hier eine bessere, oder besser zu ihm passende Schulsituation vorfinden würde.

Aber als wir sie vorgefunden hatten - wusste ich endlich, was zu tun war. Wenigstens für ein ganzes Halbjahr. Und egal wie der Schulweg meines Sohnes im nächsten Schuljahr weiter geht - ich habe jetzt schon immens dazu gelernt und gesehen, was für ihn gut funktionieren kann.

Vor allem aber, dass man nicht unzufrieden verharren muss. Dass es irgendwo, irgendwie, immer einen besseren Weg gibt.