Rückblickend gesehen kommt es mir seltsam vor, dass es im Grunde Jahre gedauert hat, bis wir uns endlich auf diese Kandareise begeben haben.

Lange Zeit war es einfach dieses vage Gefühl, für Lern- und therapeutische Erfahrungen eine zeitlang woanders hingehen zu wollen. Rauszukommen aus dem Üblichen, Eintauchen in etwas Neues, sich auf Abenteuer und neue Menschen einzulassen.

Ich weiß, dass ich diese Sehnsucht wahrscheinlich mit vielen Menschen teile.

Aber irgendwie gibt man ihr viel zu selten nach, jenseits von Studienzeiten oder vielleicht noch Expat-Arrangements.

Vor allem wenn Kinder da sind, sichere Jobs oder die Anwesenheit fordernde Selbständigkeit. Einfach so mal für ein halbes Jahr ausbrechen? Und was ist mit Schulpflicht? Und wie finanziert man sich? Muss man dann nicht Karriere-/Einkommenseinbußen befürchten, ist man nicht abgeschrieben, wenn man dann ein halbes Jahr später zurück kommt? Ist das nicht mega-aufwendig zu organisieren?

Gespannte Aufregung vor dem ersten kanadischen Schultag

Gespannte Aufregung vor dem ersten kanadischen Schultag

Zumindest stand mir all das mehr oder weniger bewusst im Weg. Z.B. Den Komfort meiner geräumigen Wohnung verlassen. Diese dann mal eben, mit Inhalt, an wildfremde Leute zu vermieten; d.h. solche zu finden, denen ich nach kurzem Kennenlernen meinte vertrauen zu können, und mit denen es auch terminlich passte. Das Gefühl, nur zu Hause vor Ort an meiner Selbständigkeit basteln zu können, präsent sein zu müssen. Auf den gut eingespielten Betreuungsrhythmus verzichten, in dem mein Sohn auch viel Zeit bei seinem Vater verbringt. Dann aus der Ferne eine Unterkunft in der neuen Heimat zu finden, die ich mir leisten konnte und in der ich mich wohlfühlen würde - ohne die Chance, sie vorher mal zu besichtigen! Zugang zur täglichen Post organsieren, Handyverträge stilllegen, den Schulbesuch klar machen.

Die kurze Zusammenfassung: Es war alles viel einfacher als gedacht. Wichtigste Voraussetzung: Die Bereitschaft, den heimatlichen, gut eingespielten Alltagskomfort in den Hintergrund zu stellen und sich zu trauen. Ich hatte genau 6 Wochen Zeit, diese Reise auf die Beine zu stellen - und im Grunde ist erst in den letzten 2-3 Wochen das meiste passiert. Trotzdem war diese Vorbereitung nicht großartig stressig oder gehetzt!

Daher, hier exklusiv, für alle die sich immer wieder von Fernweg und Sehnsucht gekitzelt fühlen, eine Do-It-Yourself-Anregung für ein spontanes Auslands-Halbjahr wo auch immer auf dieser Welt. Nicht unbedingt als Therapiereise - sondern einfach dafür, um sich auf ein ganz anderes Leben, neue Menschen und ungewohnte Umgebungen einzulassen. Und gestärkt heraus- und zurückzukommen. Im Folgenden meine Erfahrungen und Organisationsschritte, die dieses Kanada-Abenteuer dann am Ende viel einfacher gemacht haben als ursprünglich befürchtet.

1. Heimat-Wohnung

Ich wusste, dass ich meine Wohnung unbedingt vermieten musste, damit ich mir die Reise überhaupt leisten konnte. Ich hatte dafür etwa sechs Wochen Zeit.

Fazit: Meine Untervermietung hat sich etwa zwei Wochen vor unserem Abflug klar gemacht. Inseriert hatte ich gleich sechs Wochen vorher, aber tatsächlich kamen die meisten Anfragen erst ca drei Wochen vor Untervermiet-Beginn. Denn solche zeitlich befristeten, möblierten Wohndeals werden oft erst spontan gesucht, oft von Leuten, die beruflich kurzfristig in die Stadt ziehen müssen und etwas für den Übergang suchen. Also: Nerven bewahren und sich Zeit lassen, auch wenn man vermeintlich keine hat. Lieber auch mal passen, wenn die Chemie mit den Kandidaten nicht stimmt und auf die nächste Anfrage warten. Ich hatte sogar noch eine gute Woche vorher eine Anfrage - wahrscheinlich wären da auch noch mehr gekommen, wenn ich das Inserat dann nach Vertragsunterzeichnung nicht deaktivert hätte. Offenbar funktioniert zumindest für München wg-gesucht.de am besten für solche befristeten Untermiet-Zwecke.

2. Unterkunft in der halbjährigen Wahlheimat

Das fand ich etwas tricky, weil ich keine Ahnung hatte wo in Toronto wir am besten aufgehoben wären - außerdem kann man nicht eben schnell mal was besichtigen. Daher habe ich mich einfach am Zweck der Reise orientiert und nur in der Umgebung der einen Behandlungseinrichtung gesucht. Außerdem wollte ich tendenziell mit jemandem zusammenwohnen, um die Kosten niedrig zu halten und gleich Anschluss zu finden, da wir ja sonst noch niemanden in Toronto kannten. Ich glaube für so eine Konstellation führt im Moment kein Weg an Airbnb vorbei. Denn diese Plattform ist einfach dafür ausgelegt, dass man die Unterkunft nicht vorher besichtigen kann, und durch die Profile der Unterkunft und des Vermieters samt Bewertungen bekommt man einen sehr realistischen Eindruck des Wohnens dort. Ich habe bewusst erstmal nur für den ersten Monat gesucht, da immer ein Restrisiko bleibt, und man dann einen Monat Zeit hat, etwas Neues zu finden, wenn es irgendwie gar nicht passt. Ich habe allerdings schon in meine Buchungsanfrage reingeschrieben, dass ich an einer Verlängerung interessiert wäre und ob das für die Gastgeberin terminlich und sonstig möglich und von Interesse wäre. Noch ein Tipp: Den Reisezweck in der Buchungsanfrage lieber ausführlicher als zu knapp beschreiben - Airbnb lebt vom Austausch von persönlichen Geschichten, weil man sich einfach vorab so noch besser kennenlernen kann.

3. Finanzen und Lebensstil

Ok, also sofern man nicht aus der temporären Heimat remote weiter arbeiten kann, muss man das halbe Jahr vermutlich unbezahlten Urlaub/Auszeit nehmen und sich anderweitig finanzieren. Und hier wird glaube ich oft überschätzt, wie viel man eigentlich braucht. Voraussetzung dafür ist, dass man genau überlegt, wie viel Komfort WIRKLICH notwendig ist. Das war für mich der Schlüssel: Ich habe gemerkt, dass ich keine eigene Wohnung brauchte, sondern bereit war, für dieses Abenteuer mir mit meinem Sohn ein Zimmer zu teilen. Und mit einem Airbnb-Host für ein paar Monate WG-mäßig zusammenzuleben. Sich wie in Studentenzeiten Küche und Bad zu teilen. Und überhaupt alles mögliche zu teilen. Auch damit zu leben, dass man die andere hört und sonstwie mitbekommt. Natürlich war ich ein wenig nervös, ob ich damit zurecht kommen würde, denn ich weiß, dass ich grundsätzlich viel Rückzug und Zeit für mich brauche. Erkenntnis: Es war eigentlich erschreckend, wie unproblematisch es vom ersten Tag war. Absolut kein Ding, null Problem. Im Gegenteil, ich bin heilfroh, meine Mitbewohnerin um mich zu haben; eigentlich ist sie dabei, zu einer guten Freundin zu werden. Vor allem am Anfang war es geradezu rettend, jemanden zu haben, der uns "den Weg weisen" konnte.

Und auf einen Schlag hatte ich meine normalen Mietausgaben um etwa die Hälfte reduziert - während wir trotzdem in den Genuss kamen, in der coolsten Gegend Torontos zu wohnen.

Damit ist der größte Ausgaben-Batzen schon mal drastisch kleiner. Ok, dann bleiben noch die anderen Fixkosten (Versicherungen etc) in Deutschland. Zum Teil kann man die in die Zwischenmiete einkalkulieren (GEZ, Strom, DSL usw), zum Teil ruhen lassen (Handyverträge, Monatskarten). Dann bleiben noch die variablen Kosten in der temporären neuen Heimat. Je nach Land kann das variieren. Hier in Toronto könnte ich so, inklusvie Miete, entspannt mit ca EUR 2000,- auskommen, wenn ich die Behandlungskosten für Therapien herausrechne. Das ist kein feudales Leben, aber auch kein entsagendes, für eine Erwachsene und ein Kind. In vielen Ländern kommt man mit deutlich weniger pro Monat gut zurecht. Aber selbst so: 12.000,- irgendwie zusammenzusparen, zu crowdfunden, von Verwandten zu leihen und dann abzustottern - das ist machbar. Dafür gibt es eine Hammer-Lebenserfahrung - und für das Kind vielleicht sogar eine neue Fremdsprache.

4. Deutsche Schulpflicht

Das war so das Ding, was sich im Nachhinein als lächerlich einfach erwiesen hat. Was hab ich für einen Aufwand betrieben, um meinen Sohn von der deutschen Schule beurlauben lassen zu können. Stellungnahme seines Therapeuten, langes Anschreiben, Terminbestätigungen beider Behandlungseinrichtungen - und trotzdem hat sich die Schule quergestellt und nicht so lange beurlaubt wie wir eigentlich wollten. Erst als wir unseren Aufenthalt verlängert haben, und damit auch die Beurlaubungsverlängerung beantragt, habe ich gecheckt, wie der Hase läuft: Man kann nämlich die deutsche Schulpflicht auch im Ausland erfüllen, wenn das Kind eine Schule besucht, die der deutschen Schule in etwa gleichwertig ist. D.h. im Falle meines Sohnes (4. Klasse) eben der Grundschule. Also ist das Ganze ziemlich easy: Man sucht sich vor Ort einfach eine Schule und gut ist. Man muss der deutschen Schule nur eine Bestätigung über den Schulbesucht zukommen lassen. Hier gibt es also wirklich keine Ausreden mehr. Das weiß ich konkret für Bayern, aber ich vermute, dass die anderen Bundesländer ganz ähnliche Regelungen - und möglicherweise eh entspanntere Schulbehörden haben.

5. Beruflich den Anschluss verlieren

Wie soll das gehen, einfach mal schnell für ein halbes Jahr aus dem Job raus? Die Kollegen hängen lassen? Wie den Chef überzeugen? Oder noch schlimmer: Aufträge und Kunden verlieren?

Vielleicht bin ich hier etwas radikal, aber hier meine ungeschmückte Ansicht dazu: Wenn man eigentlich gerne würde, aber Sorgen hat, für ein paar Monate aus dem Job rauszugehen - dann hat man sich entweder beruflich schlecht organisiert, oder man hält sich für zu wichtig. Oder man hat die eigenen Prioritäten nicht klar. Oder alles zusammen. Zum Glück kann man dem abhelfen - wenn man denn will. Vielleicht hilft es auch sich vor Augen zu halten, dass das Leben einen eh jederzeit in Abwesenheiten werfen kann: Durch Krankheit, Elternzeiten, Umzüge kann es auch so passieren, dass man plötzlich ein Weile weg vom Fenster ist. Oder auch für immer, denn sterben könnte man theoretisch auch jederzeit. Und dann stellt sich die einfache Frage: Will ich in meinem Leben ununterbrochen gearbeitet oder immer wieder mal mit den Kindern Auslands-Halbjahre eingestreut haben? Die Antwort muss jeder für sich finden. Ein Auslandsaufenthalt ist nicht jedermanns Sache. Aber wenn Du schon bis hierher gelesen hast....dann ist die berufliche Abwesenheit vor allem Organisationssache: Nämlich die eigene berufliche Tätigkeit so gut zu dokumentieren und organisieren, dass eine eventuell notwendige Vertretung sich schnell zurecht finden kann. Oder man merkt, dass es auch ohne Vertretung läuft und die Welt nicht untergeht. (Dann kann man sich während des Auslandshalbjahres mal n Kopf machen, ob diese berufliche Tätigkeit wirklich noch so einen großen Beitrag zum großen Ganzen leistet - und ggf. über Alternativen nachdenken.)

6. Reisegepäck

Ist es nicht aufwendig, all das ganze Zeug mitzunehmen, dass man für ein halbes Jahr braucht?

Wir haben unser Gepäch ganz normal eingecheckt, d.h. waren innerhalb des normalen Freigepäcks für Economy-Flüge. Ich bin froh, dass der ursprüngliche Plan drei Monate war - sonst hätte ich wahrscheinlich noch ne Menge Sommersachen eingepackt...im Nachhinein würde ich sagen: Packen wie für 4-6 Wochen. Das reicht. Notfalls kann man vor Ort immer noch nachkaufen und ggf. einen Teil vor Rückflug per Paket vor-zurückschicken. Ich habe ganz grob 10 Outfits geplant. Mei, dann ist halt nicht die ganze fancy Abendgarderobe dabei, oder die 20 Paar Schuhe, aber dann kann man sich einfach wieder vor Augen halten, warum man die ganze Reise eigentlich macht. Ich habe zumindest gemerkt, dass ich lieber eine deutlich reduzierte Garderobe habe und dafür ein großes Abenteuer als andersrum. Und man lernt ja vor Ort auch Leute kennen, die werden einem bestimmt gerne für den ein oder anderen Anlass etwas ausleihen.

7. Bonus-Tipp I: Krankenversicherung

Nein, ich will hier keine konkreten Auslandskrankenversicherungen empfehlen, dafür gibt es eine berühmte Suchmaschine. Nur ein Tipp: Die Dauer der Versicherung zeitlich eher großzügig abschließen. Das habe ich jetzt ein wenig teuer gelernt. Denn wenn man sich entschließen sollte, länger im Ausland zu bleiben, dann ist es wesentlich teurer, aus dem Ausland heraus eine Anschlussversicherung abzuschließen. Wohingegen die meisten Versicherungen die Gebühren erstatten, wenn man vor der abgeschlossenen Versicherungsdauer zurückkommt.

8. Bonus-Tipp II: Flugbuchung

Ja, für Flüge gibt es auch hervorragende Suchmaschinen. Der Kosten-Tipp: Wenn das Rückreisedatum noch unklar ist, oder man sich nicht richtig entscheiden kann - keinen Stress. Auch die günstigen Economy-Flüge lassen sich gegen eine Gebühr umbuchen (Lufthansa EUR 130,- pro Ticket, plus evtl. Aufpreis falls die Ticketkategorie nicht mehr verfügbar ist). Also bloß keine teuren Flexi-Tarife etc, sondern lieber dann im Fall der Falle draufzahlen.

Mein Plädoyer nach diesen Punkten: Mut zur (Halbjahres-)Lücke!
Diese Lücke, die man in den gewohnten Alltag setzt, während man woanders weilt, ist so belebend, nährend, bereichernd und horizonterweiternd wie wenig anderes.

Und wie beschrieben ist die Organisation gar nicht so dramatisch, wenn man sich Schritt für Schritt vorarbeitet. Ich bin jedenfalls sehr dankbar über unser kurzfristig anberaumtes Abenteuer. Ich sehe jetzt erst aus der Ferne, mit Abstand und ein wenig Erschrecken, wie festgefahren ich in mancherlei Hinsicht in München vor mich hingelebt habe - obwohl ich mich immer für so progressiv und bewusst-wahrnehmend gehalten habe. Ich erlebe Seiten an mir, die zu Hause keinen Platz hatten oder nicht meinem unterbewussten "Image" von mir entsprachen, und die sich hier völlig unaufgeregt zeigen können: Mit weniger auskommen als gedacht ohne dabei etwas zu vermissen; aktiver auf Menschen zuzugehen; mir Unterstützung zu holen; dreist und unverfroren zu improvisieren, auszuprobieren und drauf los zu machen. Weil einen eh niemand kennt, und es nichts zu verlieren gibt. Natürlich ist nicht immer alles rosig und toll - aber lieber bin ich hier mal schlecht drauf als latent fernwehig in einer festgefahrenen Komfort-Routine zu Hause.

Und warum nicht immer wieder mal? Wie cool wäre es, wenn Auslands-Halbjahre so häufig und selbstverständlich würden wie Beförderungen und Schulwechsel. Oder noch häufiger und selbstverständlicher.

Ich wünsche uns allen viele gute Reisen!