Neben Schulbesuch und Stadt genießen geht es hier in Toronto ja auch um Therapie *hüstel*. Ja, da war noch was. Tatsächlich fühlen wir uns hier so wohl, dass letzteres wie geplant ein wenig in den Hintergrund gerückt ist.

Aber nichtsdestotrotz jetzt schon Erstaunliches bewirkt hat.

Kurz zum aktuellen Stand: Das Tomatis-Training wird normalerweise in zwei Blöcken ("Intensives") durchgeführt. Jeder Block dauert 15 Tage und zwischen den Blöcken liegen mehrere Wochen Pause.

Der erste Block ist jetzt durch.

In diesem verbrachte mein Sohn seine Zeit montags bis freitags von jeweils 16.30h bis 18.30h im Listening Centre. Logistisch hatten wir das dadurch vereinfacht, dass ich unsere Unterkunft in der direkten Umgebung des Centres gesucht hatte. So konnte mein Sohn direkt von der Schule (bis 15.30h) mit kurzem Zwischenstop bei Kakao und einem Snack zum Listening Centre, und war im Anschluss innerhalb von 15min wieder zu Hause. Teilweise holte ich ihn ab, und manchmal kam er auch rollenderweise oder per Bus alleine nach Hause.

Das Listening Centre hat einen "Behandlungsraum" - ein schön eingerichtetes Zimmer, in dem etwa bis zu 5 Kinder gleichzeitig per Kopfhörer ihr individuelles Hörprogramm absolvieren. Absolvieren heißt in dem Fall: Das Hören passiv geschehen lassen. Währenddessen können sie lesen, Hausaufgaben machen, malen, kneten, Ball spielen, schlafen....oder was auch immer man in dem ca 20m2 großen Raum machen kann. Es geht bewusst darum, sich nicht auf das Gehörte zu konzentrieren - stattdessen soll es "unbemerkt" auf das Gehirn einströmen.

Mein Sohn ging überwiegend gerne hin. Nur an einem Tag war er ziemlich schlecht gelaunt - ich glaube, dass er da einfach erschöpft war, nachdem er die ersten Tage in der neuen Schule war und sehr viele neue Eindrücke auf ihn einprasselten. An ein paar weiteren Tagen war ihm seiner Aussage nach etwas langweilig. Aber im großen und ganzen genoss er den Kontakt zu den anderen Kindern und den zwei Betreuerinnen-Therapeutinnen, die die Kinder die ganze Zeit über begleiteten.

In der ersten Woche passierte ein wenig, das hatte ich in einem früheren Artikel kurz zusammengefasst.

Interessant war, was nach zwei Wochen passierte: Mein Sohn begann auf einmal zu lesen. Also, lesen konnte er schon vorher; aber jetzt begann er auf einmal zu verstehen was er las.

Schon immer, d.h. seit er lesen konnte, las er eigentlich nicht so gerne. Nur gezwungenermaßen, in der Schule. Aber es zeigte sich immer wieder, dass er die Bedeutung des Gelesenen nie so richtig erfassen konnte. Das merkte man daran, dass er Fragen zu Texten nicht wirklich beantworten oder eine selbst gelesene Geschichte nicht schlüssig wiedergeben konnte. In seiner Freizeit, zu Hause, ließ er sich lieber vorlesen.

Paul Madaule hatte mir in unserem ersten Vorgespräch erklärt, dass lesen sehr viel mit hören zu tun hat. Tatsächlich erfolgt das Lesen lernen ja immer laut - d.h. ein Text ergibt dann Sinn, wenn man ihn hören kann. Irgendwann kann das dann in Stille passieren, aber die Basis ist immer das aktive Zuhören.

Da durch das Tomatis-Programm genau dieses Hören geschult wird, war der plötzliche Leseschub in gewisser Weise nicht überraschend. Aber wenn man zum ersten Mal Zeuge wird, wie von einem Tag auf den anderen eine Art Lese-Schalter umgelegt wird, ist das fast schon ein wenig unheimlich. Von einem Tag auf den anderen verbrachte mein Sohn eine halbe bis ganze Stunde vor dem Einschlafen mit Lesen; dabei fragte er immer wieder nach der Bedeutung von einzelnen Wörtern (ein Zeichen dafür, dass sie ihm für den Sinn des Textes auf einmal fehlten), oder lachte laut über das, was er las.

Auffällig ist auch, dass ihm das Englisch lernen und vor allem die Aussprache englischer Wörter merkwürdig leicht fällt. Ich will nicht sagen "schnell", weil dies eine Quantifizierung bräuchte - aber im Vergleich zu dem, was in seinem letzten Zeugnis steht, ist eine Aussprache klar, und man merkt, wie er in seinem Vokabular und einfachem Satzbau jetzt richtig Fahrt aufnimmt. Auch das wäre mit Tomatis erklärbar - in gewisser Weise öffnet sich sein Ohr für neue Frequenzen und Frequenzkombinationen, und Fremdsprachen lernen, vor allem die Aussprache, beruht darauf, dass man ungewohnte Laute gezielt hören, und dann wiedergeben kann.

Jetzt sind erstmal ein paar Wochen Pause, dann geht es weiter. Aufgrund der Verlängerung unseres Aufenthaltes hat Paul vorgeschlagen, den zweiten Block zu splitten, was er zunehmend gerne macht, um dem Gehirn noch mehr Zeit zum Neuverschalten zu geben.

Ich bin sehr neugierig, was uns noch erwartet. Ich freue mich sehr über die neuentdeckte Leselust, weil es meinem Sohn mit Sicherheit stärken kann, wenn er seine Neugier und seinen Geschichtendurst nun viel selbständiger nähren kann.

Ich freue mich aber vor allem, wie einfach und unkompliziert alles läuft. Wie gut der Alltag mit Schule, Hörtraining, Wochenenden, Spielen, Hund ausführen und Erkunden mittlerweile eingespielt ist, aber gleichzeitig auch spannend und frisch bleibt. Ich freue mich, dass es uns gelungen ist, diese Grundstimmung nach und nach zu schaffen, und jeden Tag zu pflegen. Auch wenn damit der eigentliche Grund für diese Reise in den Hintergrund gerückt ist - und das darf auch ruhig so bleiben.