Ich muss zugeben, dass ich schulisch ziemlich ausgelaugt vor knapp vier Wochen hier in Kanada ankam. Vielleicht sogar verzweifelt. Ermüdet von mehreren Jahren Kampf und Hadern mit dem bayerischen Schul- und Nachmittagsbetreuungs-System. Das sich Inklusion und internationale Wettbewerbsfähigkeit auf die Fahnen schreibt, und das ich doch als so anders erlebt habe: Wie es Kinder durch eine extrem frühe Selektion unter Druck setzt und zu Ellbogenmentalität erzieht; wie es sich Anderssein möglichst vom Leibe halten will; dass stur Paragrafen geritten werden, wo es eigentlich auch Spielräume gäbe; und eine erstaunlich hartnäckige Ablehnung moderner Technologien (wieso kommen Elternbriefe eigentlich immer noch auf Papier??).

Dabei war ich nach vielen ermutigenden und wundervoll gestalteten Jahren in Krippe und Kindergarten sehr zuversichtlich in die Schulzeit meines Sohnes gestartet. Hatte eine tolle Schule gefunden, deren Schulleiterin dem Thema Inklusion sehr offen gegenüberstand. Aber dann wechselte die Schulleitung, die Klassenlehrerin gleich vier Mal innerhalb von vier Jahren, und die Situation wurde zunehmend schwieriger. Es war zwar so, als ob mein Sohn noch eine normale Schule besuchte - aber nach und nach eine dickere, abschottende Glocke aus Fördermaßnahmen, Berührungsängsten und Sonderbehandlungen über ihn gestülpt wurde. Die Begeisterung, die mein Sohn vom ersten Tag für Schule und Lernen hatte, forderte nach und nach auch von ihm einen gewissen Tribut. Er ging immer noch gerne hin - wirkte in seiner Schulbegeisterung aber irgendwie gedämpfter als noch zu Beginn.

Daher kam mir die Kanada-Reise auch zeitlich sehr gelegen - ein wenig Zeit zum Durchatmen und Heraustreten. Sowohl für meinen Sohn, als auch für mich. An seinen Schulbesuch hier in Kanada hatte ich keinen besonderen Anspruch - solange er überhaupt in die Schule gehen konnte, Anschluss zu anderen Kindern bekam und ein wenig englische Sprache aufschnappen konnte.

Dass er hier in eine Schulsituation kommen würde, die besser sein würde als alles, was wir in München je gesehen und erlebt hatten - hätte ich nicht zu träumen gewagt.

Ich wusste überhaupt nichts über das kanadische Schulsystem, auch wusste ich nicht, welche Schule hier überhaupt für uns zuständig sein würde. Nach einem kurzen Telefonat mit der Schulbehörde in Toronto noch vor unserer Abreise war ich darauf eingestellt, alles erst vor Ort in die Wege leiten zu können.

Vielleicht war es genau diese Un-Vorbereitung, diese pragmatische Naivität, die in dem weiteren Prozess so hilfreich waren. Einfach einen Schritt nach dem anderen machen und hartnäckig dranbleiben: Am ersten Werktag nach unserer Ankunft rief ich wieder bei der Schulbehörde an, diese sagte mir, welche Unterlagen ich einreichen müsste, und zusätzlich stattetend wir der Behörde auch einen ganz persönlichen Besucht ab.

Dann war erstmal ein paar Tage Funkstille. Per Zufall bin ich dann mit unseren isländischen Nachbarn ins Gespräch gekommen, deren Kinder hier die Schule besuchen, und die Mutter erzählte mir überhaupt erst, welche Schule für diese Wohngegend zuständig sei. Sie empfahl mir auch, dort einfach mal unangekündigt hinzugehen und mit der Schulleiterin zu sprechen.

Gesagt getan.

Ich glaube die Schulleiterin staunte nicht schlecht, als ich ihr von unserem Anliegen erzählte, denn die Klassenräume der 4. Klassen waren im 2. Stock - ohne Aufzug. In dem Moment waren aber sowohl Lennard als auch ich total hin und weg von der willkommenden Atmosphäre der Schule. Ich erklärte ihr, dass es für meinen Sohn toll wäre, wenn er eine Schule direkt in der Nähe unserer Wohnung besuchen könnte. Als wir ihr versicherten, dass er die Treppen durchaus bewältigen könnte, war sie sofort offen dafür, die nächsten Schritte anzugehen.

Dann gerieten wir in die Mühlen der Schulbehörden-Bürokratie - die dann aber nach zwei Wochen (innerhalb derer ich ganz freundlich jeden Tag bei der Behörde anrief oder mailte, um einfach mal Hallo zu sagen) innerhalb von zwei Tagen ultraschnell zu Ende mahlten (nachdem ich aus reiner Neugier gefragt hatte, ob es an der Behinderung meines Sohnes lag, dass es ein wenig dauerte?).

Trotzdem hatte ich ein wenig Bauchgrummeln. Denn in ihrer gründlichen und anpackenden Art hatte die Schulleiterin auch gleich nach eventuell in Deutschland durchgeführten Lern-/Förder-Diagnostiken gefragt. Tatsächlich wurde eine solche noch kurz vor unserer Abreise nach Kanada gemacht - mit schwachen Ergebnissen in Mathe, Lesen und Schreiben. Die Ergebnisse ließ ich ihr natürlich samt Übersetzung dennoch zukommen. Ich hoffte, dass diese Diagnostik kein KO-Kriterium werden würde, und mein Sohn nach vielen Jahren wohnortnaher Beschulung nicht etwa doch noch in irgendeine Extra-Schule weit weg geschickt werden würde. Oder dass ihm wieder eine Extra-Betreuungsperson/Schulbegleitung verpasst würde, auf der die Münchner Grundschule immer so vehement beharrt hatte.

Es kam ganz anders.

Am Tag nach dem OK der Schulbehörde bat uns die Schulleiterin gleich zur formalen Einschreibung und Besprechung von Fragen zu Selbständigkeit, Sicherheit und Unterstützungsbedarf. Es stellte sich heraus, dass diese ganz normale Schule spezielle Klassen für Kinder mit Lernschwierigkeiten und wiederum andere Klassen für Schüler mit Entwicklungsverzögerungen hatte. Wohlwissend, wie wichtig mir Normalität und keine Sonderbehandlungen waren, bot die Schulleiterin mir in ihrer gradlinigen Art folgende Option an: Mein Sohn könnte die Klasse für Kinder mit Lernschwierigkeiten besuchen. Diese Klasse hatte aktuell 12 Schüler und zwei Vollzeit-Lehrerinnen. Sie erklärte mir, dass mein Sohn gerade auch wegen seiner noch fehlenden Sprachkenntnisse in dieser "Spezial-Klasse" wahrscheinlich mehr von seinem kanadischen Schulbesuch hätte. Außerdem würde er zusätzlich zwei Mal pro Woche extra Englischunterricht bekommen.

Dann tat sie noch etwas, was ich schon lange nicht mehr erlebt hatte.

Sie fragte mich nach meinem Einverständnis. Sie fragte wirklich, ob ich diesem Vorschlag zustimme.

Nicht nur so pro forma ich-frage-Sie-jetzt-mal-aber-es-ist-eigentlich-schon-klar-dass-es-so-sein-muss. Sie gab mir wirklich die Wahl, ob mein Sohn in diese Lernschwierigkeits- oder eine normale Klasse gehen sollte.

No-brainer. Natürlich stimmte ich ihrem Vorschlag zu.

Dann wurde ich Zeuge eines faszinierenden Prozesses: Wie man den Schultag eines Kindes mit Behinderung auch ohne Schulbegleitung lösen konnte. Wir identifizierten, dass die Treppen in den 2. Stock die größte Herausforderung sein würden - immerhin musste er sie vier Mal pro Tag hoch und runter laufen. Die Schulleiterin wusste, wie wichtig es meinem Sohn war, Dinge alleine zu tun, und wie wichtig es mir war, ihm das zu ermöglichen. Ihre Überlegung daher: Er würde die Treppen alleine laufen, aber sie würde es so organisieren, dass immer eine erwachsene Person dabei ist, wenn er die Treppe läuft - um ihm ggf Tasche und Gehstöcke abzunehmen, und einfach ein Auge auf ihn zu haben. Vor allem am Anfang, wenn er noch nicht so daran gewöhnt ist.

Bingo. Was für ein kleiner, aber feiner Unterschied im Vergleich dazu, wenn den ganzen Tag ein eigens für ihn anwesender Schulbegleiter an ihm dran ist.

Diese erwachsenen Belgeitpersonen waren zum Teil seine Lehrerinnen, zum Teil aber auch Personal, das bereits für andere Unterstützungsaufgaben an der Schule ist. Z.B. um die Kinder zu beaufsichtigen, wenn sie beim morgendlichen Gong oder nach den Pausen wieder in ihre Klassenräume hochrennen. Mein Sohn würde diesem Ansturm dann in seinem Tempo hinterhergehen. Sie hatte sich sogar überlegt, dass gleichzeitiges Hochgehen mit den Kindern ihn wahrscheinlich mehr in eine Sonderrolle bringen würde, da er dann auf der anderen Seite der Treppe hochlaufen müsste, und damit abseits der an der Innenseite hochlaufenden Schüler wäre. Und WIEDER fragte sie mich, wie ich das sehe. Ich sagte ihr, dass ich es noch nicht wüsste und gerne erstmal so probieren würde, wie sie vorgeschlagen hatte.

Dann stellte sie uns so viele von den Lehrern vor, wie sie nur auffinden konnte. Keiner hatte den fast unmerklich fragend-unsicheren Blick, als er/sie meinen Sohn sah. Diesen Blick, den ich so gut kenne. Alles, was unklar war, wurde einfach gefragt, und alles andere ganz selbstverständlich angepackt. Keiner hatte Angst davor, meinem Sohn auch mal eine Hand beim Schuhe anziehen zu geben. Der Sportlehrer zuckte nicht mal mit der Wimper, als er meinen Sohn schon mal vorträglich in den Sportunterricht begrüßte.

Ich war so überrascht, dass mein Gehirn fast nicht wusste, was es machen sollte. Ich war es so gewöhnt, alles mögliche zu erklären und für mehr Selbständigkeit und Einbezug zu kämpfen - und hier gab es auf einmal überhaupt nichts zum Kämpfen. Mein Körper wusste erst gar nicht wohin mit den routinemäßig aktivierten Verteidigungsanspannungen. Wir waren auf einmal willkommen und geschätzt - und das, obwohl klar war, dass mein Sohn nur gut zwei Monate in diese Schule gehen würde. Er wurde angenommen, wie jedes andere Kind auch.

Übrigens fiel während dieses gesamten Verlaufes nicht einmal Das I-Wort: Inklusion. Es war, als ob man das, was hier im Gange war, gar nicht bennen musste. Es war einfach.

Erst ganz am Schluss, kurz bevor wir gingen, nachdem ich meine Überraschung einigermaßen herausstottern konnte, erwähnte die Schulleiterin kurz Das I-Wort. Und ich entdeckte es auch in einem Mission-Statement der Schule.

Ich glaube was mich im tiefen Inneren so berührte war das Gefühl von Authentizität. Es war spürbar, dass Inklusion hier nicht als politisch-korrekt-von-oben-aufgestülpt erlebt wurde (was mir in der deutschen Grundschule ständig begegnete, zum Teil auch explizit so von der Schulleitung formuliert). Hier war ein echtes Verständnis dafür, dass manche Menschen sehr anders sind, und dass sie ganz unaufgeregt trotzdem Teil des Ganzen sein können, dürfen und sollen. Eine Art moralische Selbstverständlichkeit gepaart mit einer fest verankerten Menschlichkeit.

Ich muss wohl kaum erwähnen, dass mein Sohn wieder dieses Funkeln in den Augen hat, wenn er zur Schule geht. Das er in den letzten Jahren ein wenig verloren hatte.

Auch ich staune darüber, wie rührend mir seine Lehrerin von seinem Schultag erzählt, wenn ich ihn am Nachmittag abhole. Oder wie ausführlich sie mir meine und seine Fragen beantwortet, wenn ich ihn bringe. Überhaupt, wie warm und begeistert er von allen möglichen Leuten begrüßt wird, wenn er morgens ankommt. Wie spielend-experimentell die andere Lehrerin herauskitzelt, was mein Sohn schon kann, und wo sie in den einzelnen Fächern mit ihm ansetzen kann. Wie gut diese "Spezialklassen" in den Rest der Schule integriert sind - zum Beispiel werden sie fach-/themenbezogen zeitweise in die normalen Klassen aufgenommen. Wie selbstverständlich hier mit neuen Medien, Computern, Programmieren, und digitalen Mathe-Spielen umgegangen wird.

Ich weiß, dass hier auch ein wenig Anfangseuphorie reinspielt und mein Sohn schließlich erst eine Woche diese Schule besucht. Und ich will nichts beschönigen, die Umstellung und Anpassung an das neue Schulleben in einer fremden Sprache sind für meinen Sohn auch nicht ganz ohne. Aber Perfektion erwarte ich von einer Schule auch nicht. Ich habe einfach in unserem 10-jährigen Inklusionsleben schon viele Einrichtungen betreten und erste Eindrücke wahrgenommen - und weiß daher, wie viel Wahrheit und Vorgeschmack gerade in diesen anfänglichen Momenten liegt. Mit Sicherheit kann ich sagen, dass ich so etwas wie hier in der gesamten Schulzeit meines Sohnes (inklusive all der Schulen, die wir uns angeschaut haben) noch nie erlebt habe.

Schon ein wenig ironisch, dass gerade dieser als vorübergehend und provisorisch angedachte Schulbesuch sich als geradezu außerirdisch entpuppt. Es tut schon etwas weh, daran zu denken, dass gerade diese beste aller Schulwelten uns nur zweitweise begleiten wird.

Aber dennoch bin ich dankbar, dass meine mitgebrachte Schul-Ausgelaugtheit sich ganz unerwartet so prächtig erholen kann.

Ersten Schultag mit Kaffee und Kakao feiern!

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