Gestern hat mich ein Türsteher zum Heulen gebracht.

(Ein Glück weiß er nichts davon.)

Es fing alles vielversprechend und folgendermaßen an: Endlich mal wieder abends im Club tanzen gehen! Das erste Mal, seit dem wir in Toronto sind.

Abends im Club tanzen gehen klingt trivial - für mich hat es eine große Bedeutung. Es ist für mich eine Art Spielwiese, Austoben, Freiheit. Mir reichen schon ein, zwei Stunden, um mich wieder ein wenig zu reseten, aus dem Alltag und Mutterdasein herauszutreten, mit Bewegungen zu experimentieren. Möglichst früh, wenn die Tanzflächen noch leer sind, und möglichst früh wieder heim, um genügend Schlaf zu kriegen. Clubbing im mittleren Lebensdrittel halt.

Nun bin ich hier aber, wie schon geschrieben, in einer anderen Situation. Denn in Deutschland konnte ich recht flexibel und spontan 2 bis 3 Mal pro Monat weggehen - eben dann, wenn mein Sohn bei seinem Vater war.

Meine knapp 50jährige Mitbewohnerin war sofort Feuer und Flamme, als ich ihr von meinem Tanz-Weggeh-Bedürfnis erzählte. Sie wollte auf jeden Fall mit. Wir schmiedeten einen genialen Plan: Keine 200m von uns am Ende der Straße gibt es einen Club - dort würden wir es mal probieren. Sehr früh, und sobald es sich füllt wieder heim. So könnte ich meinen Sohn auch alleine lassen, oder mit dem Hund, und evtl noch den anderen Nachbarinnen im Haus Bescheid geben, dass sie mal nach ihm schauen. Und im Zweifelsfall wäre ich superschnell wieder zu Hause.

Letzten Samstag sollte der große Abend sein. Ich freute mich schon mehrere Tage vorher wie ein kleines Kind auf diese neue Freiheits-Errungenschaft.

Meine Mitbewohnerin hatte noch einen Stand-up Gig, und wollte gegen halb elf daheim sein. Dann wollten wir gleich los, um noch vor der Schlange reinzukommen.

Wie es dann so ist, kam sie gegen elf mit einer Freundin, und natürlich tranken wir noch ein Glas Prosecco.

Dann wachte mein Sohn auf. Ich lies die zwei Mädels daher schon mal zum Club vorlaufen, und wollte nachkommen.

Mein Sohn war etwas weinerlich ob meiner Weggeh-Pläne. Ich überlegte kurz, ob ich alles kurzerhand canceln sollte - aber irgendwie wusste ich, dass es für uns beide wichtig sein könnte, es mal zu probieren. Und sei es nur für eine Viertelstunde. Mein Sohn ließ sich dann auch ganz gut drauf ein, nachdem der Hund ihm Gesellschaft leistete.

Ich steckte also ein wenig Geld ein, den Schlüssel, und eilte den anderen hinterher.

Der Club hat auf der Vorderseite eine Bar, und ich ging davon aus, dass man durch diese auch in den Club kommen würde. Ich betrat also die Bar - und wurde prompt vom Türsteher nach meinem Ausweis gebeten.

Etwas verdattert schaute ich ihn an. Das war mir seit Jahren nicht mehr passiert. Ich habe sonst IMMER, wenn ich weggehe, einen Personalausweis dabei. Ich habe ihn in den letzten Jahren NIE beim Weggehen vorzeigen müssen. An diesem denkwürdigen ersten Kanada-Weggehabend hatte ich ihn aber NICHT eingesteckt, weil ich ja quasi nur einmal aus dem Haus fallen musste, um in den Club zu kommen. Außerdem würde eh keiner meinen deutschen Personalausweis verstehen.

Und ausgerechnet heute wollte der Typ meinen Ausweis sehen. Einfach weil es Policy dieses Bar-Clubs war. Jeder musste seine ID vorzeigen.

Nun hätte das nicht so das Problem sein müssen. Ich hätte die vier Minuten heim laufen und wieder kommen können.

Aber irgendwas brach in mir zusammen.

Ich diskutierte noch kurz und ergebnislos, und dann spürte ich es schon aufwallen. Ich verließ die Bar und brach in Tränen aus.

Ich heulte wie ein Schoßhund, den ganzen Weg zurück zur Wohnung entlang. Dann weiter in der Wohnung. Ich konnte und wollte überhaupt nicht aufhören. Erst wusste ich überhaupt nicht, was eigentlich los war. War komplett überrascht von diesem emotionalen Ausbruch. Merkte aber auch, wie gut er mir tat.

Bis mir dämmerte, dass hier eine große Anpassungsleistung im Gange war.

Es war die Trauer darüber, in einem noch fremden Land nicht fest verankert zu sein.

Die letzten Wochen waren so großartig gewesen, so erfahrungsreich, so unerwartet bereichernd. Voller Kreativität, Bewegung und positiver Veränderungen. Voller Begegnungen mit tollen und liebevollen Menschen.

Und gleichzeitig waren die neuen Bande noch frisch. Es gab keine engen Freunde um mich herum. Keine langjährigen Bekanntschaften. Niemand Vertrautes, mit dem ich meine Erlebnisse teilen konnte. All diese Menschen - waren ein paar Tausend Kilometer weit weg.

Ohne es zu merken, war ich in den letzten Wochen in gewisser und neuankommens-natürlicher Weise einsam gewesen. Vor lauter organisieren, freuen, lernen und erkunden hatte ich das aber nicht gemerkt. Noch am selben Tag hatte ich lauter supernette Leute kennengelernt und mich supergut unterhalten. An der Oberfläche war also alles ok - aber unten drunter war, nicht verwunderlich, auch ein wenig Heimweh nach vertrauten Menschen, die ich schon ewig kenne. Die Tränen waren einfach eine natürliche Trauerreaktion darüber - und deswegen auch so wichtig und richtig.

Zwei Minuten später kam meine Mitbewohnerin mit der Freundin und einem weiteren Freund. Ich war überrascht von der schnellen Rückker - sie erzählte, dass sie in dann doch in der Schlange vor dem richtigen Eingang zum Club hängengeblieben waren. Und da Schlangen nur bis zu einem Alter von ca. 25 Spaß machen, hatten sie sich entschlossen wieder heim zu gehen und noch einen Absacker zu nehmen. Und übrigens kam man kam durch die Bar gar nicht in den Club. Es hätte mir also auch nichts genutzt, meinen Perso noch zu holen - denn wir waren einfach insgesamt zeitlich zu spät zur Schlangen-Zeit losgegangen.

Ich erzählte meiner Mitbewohnerin, was ich erlebt hatte - und brach dabei wieder in Tränen aus. Ich glaube, sie wusste einfach. Sie nahm mich lange in den Arm und ließ mich weiterweinen. Ich glaube das war meine erste dicke fette Umarmung überhaupt seit unserer Ankunft. Dann lud sie mich ein, einen Absacker mitzutrinken. Mir war ganz und gar nicht nach Gesellschaft, und genau deswegen setzte ich mich dazu.

Es war gut so. Ich gab zu, nicht in der besten Verfassung zu sein und war damit absolut willkommen. Als die zwei Freunde weg waren, saßen meine Mitbewohnerin und ich noch lange auf dem Küchenboden und redeten über Heimweh, Lebensentwürfe, Hunde, Kinder und all die anderen Küchenbodenthemen.

Wir beschlossen, nächstes Mal einfach WIRKLICH früh loszugehen. Mit Ausweis.

Aber am Ende hatte ich an diesem Tag genau den Abend, den ich gebraucht hatte. Vielleicht bringe ich dem Türsteher beim nächsten Mal ein kleines Dankeschön mit.