Im Flugzeug und, metaphorisch, in vielen Persönlichkeitsentwicklungs-Ratgeber-Büchern wird man als Mutter angewiesen, sich die Sauerstoffmaske zuerst aufzusetzten, wenn der Kabinendruck sinkt - also noch bevor man sie dem eigenen Kind aufsetzt.

Weil man im Zweifelsfalls nur so dem Kind die Maske aufsetzen kann - denn eine von Sauerstoffmangel desorientierte bis bewusstlose Mutter nützt ihrem Kind herzlich wenig, zumindest beim Sauerstoffmasken aufsetzen. Aka ihm Gutes und Fürsorgliches tun.

Auch für mich ist das im Moment ein Thema, denn mit unserer Reise bin ich auf einmal viel mehr für meinen Sohn zuständig als sonst: Normalerweise verbringt er die Hälfte der Zeit bei seinem Vater, was mir jede Menge Freiraum gibt. Und nun kam noch hinzu, dass er die ersten gut zwei Wochen nicht in die Schule gehen konnte. D.h. Vollzeit-Ganztags-Mutterdasein für mich. Außerdem geht es überhaupt sehr viel um ihn, seine Therapie, sein Wohlbefinden, sein Schulbesuch, seine Entdeckungen und Entwicklung.

Ich liebe ihn über alles, finde es total spannend und tue das alles supergerne für ihn. Und natürlich ist das auich eine große Bereicherung und Lernerfahrung für mich selbst.

Aber um eine ausgeglichene Mutter zu sein, brauche ich eben auch mein eigenes Leben. Meine Freiräume, meine eigenen "Spielwiesen", Zeit alleine, Zeit mit anderen Menschen ohne ihn.

Denn wenn ich aus diesen Zeiten aufgetankt herauskomme, bin ich noch 1000 Mal lieber Mutter.

Und doch sind diese Zeiten so mit das erste was unter den Tisch fällt, wenn sich die täglichen Routinen noch nicht eingespielt haben, in diesem Vollzeit-Mutterdasein. Weil nicht klar ist, wie alles unter einen Hut passen soll.

Aber vielleicht auch, wenn einem das schlechte Gewissen sagt, dass man nicht so egoistisch sein und sich doch in dieser aufregenden Anfangszeit besonders fürsorglich um das eigene Kind kümmern sollte. Denn es muss ja so viel bewältigen! Es schwingt dieses Bild einer Mutter mit, die ihr Kind überallhin mitschleppt, oder es alleine lässt, um ihren eigenen Vergnügungen nachzugehen. Was für ein eitler Luxus, sagt die innere Stimme, wenn ich z.B. täglich trainieren will.

Dann hilft nur - sich trotzdem die Zeit zu nehmen. Und sie auch noch zu genießen. Zu vertrauen, dass das Kind sich an einer strahlenden und aufgetankten Mutter viel mehr erfreut, als an einer ständig parat stehenden - auch unter noch so ungewohnten und herausfordernden Bedingungen. Auch in einer komplett neuen Umgebung.

Dennoch habe ich es jetzt ein wenig leichter, seitdem mein Sohn in die Schule gehen kann - weil nicht nur ich, sondern auch er damit sein eigenes Ding hat. Und natürlich habe ich den gestrigen ersten Schultag entsprechend genutzt :-) - und wer mir auf meinem Weg zum National Ballet of Canada folgen möchte, kann das hier tun:

Also: Mut zur täglichen Sauerstoffmaske - auch wenn der Kabinendruck noch gar nicht gesunken ist.