Letzte Woche ging nun endlich das los, wofür wir eigentlich hergekommen sind.

Beim Eingangs-Assessment fragte Paul Madaule mich dann tatsächlich auch:

Warum ausgerechnet Toronto, wenn es auch im deutschsprachigen Europa gute Tomatis-Therapeuten gibt?

Ich sagte ihm, dass es dafür mehrere Gründe gäbe:

  1. Ich glaube sehr an Umgebungsveränderungen, wenn es um Veränderungen jeglicher Art geht. Im Grunde ist das bereits eine Anwendung von neuroplastischen Prinzipien, denn eine Veränderung der Umgebung fordert a) das Nervensystem zu Neuverschaltungen im Gehirn heraus und bringt b) die notwendigen häufigen Wiederholungen für diese Neuverschaltungen. Einfaches Beispiel: In unserer momentanen Wohnung gibt es in der Küche einen erhöhten Tisch mit Hochstühlen. Dort nehmen wir alle Mahlzeiten außer dem Abendessen ein. Dazu muss mein Sohn auf diesen Stuhl kommen - neues Bewegungsmuster, das er ohne es groß zu merken mehrfach pro Tag wiederholt. Gleiches gilt für das Treppen laufen in unserer Wohnung, und demnächst auch in der Schule. Das Fehlen eines Aufzugs löst automatisch eine Kaskade von neuen neuronalen Feuerungsmustern und Neuverschaltungen aus. Oder drittes Beispiel - die Tatsache, dass mein Sohn sich alleine auf den Weg macht, z.B. vom Hörtraining nach Hause, oder einfach so in der Nachbarschaft rumläuft oder -rollt, erfordert Neuverschaltungen seiner inneren Landkarten und eine hohe Aufmerksamkeit und genaue Wahrnehmung seiner unmittelbaren Umgebung - dazu noch in einer komplett neuen Sprache. All das ergänzt die eigentliche Therapie derart, dass die therapeutisch angeregten "Neuronenfeuer" im Alltag zu neuen Verschaltungen angeregt werden - und zwar zu solchen, die eben für den Alltag auch relevant sind! Für mich war dies eine der größten Erkenntnisse der letzten Jahre, und sie hat mein Verständnis von Therapie komplett auf den Kopf gestellt: Dass Therapie eben nicht dafür da ist, neue Fähigkeiten/Fertigkeiten beizubringen - sondern dem Zentralen Nervensystem zu helfen, sich neu zu organisieren. Die eigentlichen Fähigkeiten entstehen durch das Leben an sich. Solch ein Paradigma von Therapie ist unglaublich mächtig, denn so setzt sie a) am stärksten Hebel an und es gibt b) nicht den mit jahre- oder lebenslanger Therapie oft verbundenen Zeit-/Erwartungsdruck, Stress, oder gar Langeweile. Stattdessen Lust am Spielen, entspannte Zustände und Offenheit für alle möglichen Ergebnisse.
  2. Ich glaube ebenfalls an Menschen, ihre Hintergründe und Motive. Eine Methode ist für mich nicht per se das Nonplusultra - sie hängt sehr davon ab, wer sie anwendet und wie sehr ich mich intellektuell und emotional mit dieser Person treffen kann. Als ich "The Brain's Way of Healing" habe, hat mich Pauls Geschichte sehr angesprochen, und die Tatsache, dass er in Toronto eine Art Tomatis-Basislager mit mittlerweile jahrzehntelanger Erfahrung geschaffen hatte. Ohne es genau zu wissen, hatte ich den Eindruck, dass hier jemand genau die (Selbst-)Erfahrung hatte, die uns sehr weiterbringen könnte - sowohl in Bezug auf die Anwendung der Methode, als auch in Gesprächen zu Hintergründen, Möglichkeiten und dem Leben an sich.
  3. Und zuletzt, stark mit 1. verbunden: In gewisser Weise um dem Ganzen das Therapeutische und Pathologische zu nehmen. Durch die Einbettung des Trainings in ein Abenteuer weit weg von zu Hause, in einem Land, das wir nicht kannten, in eine Wohnung von der wir nichts wussten, in eine Schule, die wir vorab noch gar nicht organisieren konnten, ging der Fokus weg von "Therapie" hin zu "wir verreisen und machen jede Menge spannender Sachen, unter anderem auch ein Hörtraining". Überhaupt, TRAINING: auch mein Sohn spricht nur noch von "Hörtraining". Am Ende funktioniert Therapie dann, wenn sie das Zentrale Nervensystem wirksam zu neuen und/oder besseren Leistungen trainiert. Und genau das macht "trainieren" ja. Damit bekommt "therapieren" etwas Sportliches, Spaß machendes, Disziplin und Selbstmotivation erforderndes, Potential entfaltendes - und verliert das "Reparierende".

Nach der ersten Woche kann ich sagen: Jeder der weiten Kilometer hat sich gelohnt.

Mit Paul hatte ich bereits zwei sehr spannende Gespräche, in denen wir beide voneinander gelernt haben. Ich von seinem Verständnis seiner Arbeit, er von uns in Bezug auf das selbständige Rumrollen und -laufen meines Sohnes, sogar abends bei Dunkelheit. Mein Sohn liebt seine täglichen zwei Hörstunden.

Und dann kleine "Aufblitze" dessen, was uns möglicherweise erwartet: An einem Tag überraschte mein Sohn mich mit einer schnellen Kopfrechnung. An einem anderen Tag mit einem Ausflug in den Park, von dem er mir nichts sagte, verbunden mit ein paar sehr emotionalen Stunden, in denen er die Beziehung zu mir sehr auslotete. Gestern wollte er während des Trainings ein Buch lesen - auch sehr ungewöhnlich für ihn. Ein veränderter Bezug zu seinem Körper, d.h. wie er sich selbst wahrnimmt, inklusive Körpergerüche (total spannend).

Die Mischung stimmt einfach. Die Anregung dazu, sein Potential weiter zu entfalten ist ausbalanciert durch kleinere und größere Abenteuer, den Stolz über seinen ersten Schultag, und die Zeit mit dem süßesten Hund (unserer Mitbewohnerin) aller Zeiten.

Und genau deswegen habe ich keine Erwartungen. Denn sie sind jetzt schon mehr als erfüllt. Ich freue mich über jeden Entwicklungsschritt meines Sohnes, aber jeder Tag ist an sich schon voll mit Freude, neuen Lernerfahrungen und liebevollen Begegnungen.

Es fühlt sich gut an, für all das hier zu sein.